Die Welt-Internet-Konferenz im malerischen Wuzhen an der chinesischen Ostküste ist eine bizarre Veranstaltung: Einmal im Jahr ist das Internet in China für vier Tage komplett unzensiert. Nämlich dann, wenn die chinesische Führung die CEOs der weltgrößten Tech-Konzerne einlädt, um mit diesen über ihre Vorstellung vom Internet der Zukunft zu sprechen – und über die Notwendigkeit von Zensur.

Im vergangenen Dezember sollte Google-CEO Sundar Pichai erstmals in Wuzhen eine Rede halten. Seit Pichai 2015 die Geschäfte übernommen hat, reist er regelmäßig nach China. Google hatte das Land 2010 aus Protest gegen Zensurvorgaben und Hackerangriffe verlassen. Der Auftritt Pichais sollte zur Wiederannäherung an die chinesische Führung beitragen. Anfang August sickerte nun durch, dass Google eine Rückkehr nach China plant. Mit Dragonfly, einer zensierten Version seiner Suchmaschine.

Seither herrscht im Hauptquartier des Internetgiganten Aufregung, vor allem unter den Mitarbeitern. Mehr als jeder andere Konzern im Silicon Valley hatte sich Google stets seiner transparenten Firmenkultur gerühmt. Jeder sollte wissen, dass die hohen Umsätze – zuletzt mehr als 100 Milliarden Dollar – nicht nur auf eine weltumspannende Suchfunktionsmaschinerie zurückzuführen sind, sondern auch auf Haltung.

Dass Google davon nun abrücken könnte, empört die Belegschaft. Auch deshalb, weil die Chefetage das Projekt monatelang intern unter Verschluss hielt. Erst nachdem 1.400 der weltweit 88.000 Angestellten in einem offenen Brief Aufklärung gefordert hatten, gestand Pichai am vergangenen Donnerstag, dass das Management die Möglichkeit eines Comebacks in China "erforsche". Entschieden sei nichts. Dagegen gibt es glaubhafte Berichte, dass Dragonfly schon in sechs bis neun Monaten marktreif sei – vorausgesetzt, dass die chinesische Regierung grünes Licht erteilt. Die Frage lautet nun allerdings: Stoppt womöglich die eigene Belegschaft Dragonfly?

In anderen Geschäftsfeldern ist Google in China längst aktiv

Es wäre nicht das erste Mal, dass Angestellte erfolgreich gegen den Vorstand Sturm laufen. Erst im Juni beendete Google eine Kooperation mit dem Pentagon, in der es um den Einsatz künstlicher Intelligenz für Drohnenangriffe ging. Tausende Mitarbeiter hatten eine Petition gegen das Projekt "Maven" unterzeichnet, manche verließen aus Protest das Unternehmen. Der Fall Dragonfly ist noch brisanter: Wenn Google wegen ethischer Bedenken dem amerikanischen Militär die Zusammenarbeit verweigert – wie will der Konzern es legitimieren, mit chinesischen Zensurbehörden zu kollaborieren?

Aus wirtschaftlicher Perspektive fällt die Antwort deutlich aus: Der Vertrag mit dem Verteidigungsministerium belief sich auf weniger als zehn Millionen Dollar. China lockt hingegen mit 770 Millionen Internetnutzern, mit Milliardengewinnen und, vielleicht wichtiger noch, mit einem schier unerschöpflichen Reservoir an Daten, dem Treibstoff der Digitalisierung.

Auf anderen Geschäftsfeldern schleicht der Konzern längst auf Zehenspitzen zurück in den chinesischen Markt: 2017 eröffnete er in Peking ein Forschungszentrum für künstliche Intelligenz. Vor wenigen Wochen, im Juni, verkündete Google, rund eine halbe Milliarde Dollar in den E-Commerce-Anbieter und Alibaba-Konkurrenten JD.com zu investieren. Mit dem chinesischen Tech-Riesen Tencent verhandeln die Amerikaner über den Start eines Cloud-Services. Darüber hinaus bietet Google in China Apps für Sprachübersetzung und Datenmanagement an. Das Marktpotenzial für künftige Google-Innovationen wie selbstfahrende Autos ist groß. Insgesamt beschäftigt Google in China derzeit 700 Angestellte.

Dass Google auf Dauer nicht von einem Wirtschaftsraum ausgeschlossen sein möchte, der ein Fünftel der Weltbevölkerung repräsentiert, ist aus strategischen Gründen nachvollziehbar. Für das Unternehmen wäre es aber ein riskanter Schritt.

Google-Gründer Brin, Kind russischer Einwanderer, hatte den Ausstieg aus China 2010 mit biografischen Erfahrungen begründet. Er erkenne im chinesischen Zensursystem Parallelen zum Totalitarismus in der Sowjetunion, sagte Brin damals. Seiner Entscheidung gingen monatelange interne Debatten voraus. China wurde zur Gewissensfrage: Bleiben mit moralischen Einbußen? Oder konsequenter Exit mit Rückgrat?