Heinz Strunk zeigt in seinem diese Woche erschienenen Erzählband Das Teemännchen wieder einmal, wie wundervoll das Böse funkeln und wie amüsant es unterhalten kann. Dass man diesen Autor, der heute schärfer und besser schreibt als je zuvor, blödsinnigerweise immer noch gern "Comedian" nennt, hat vielleicht mit seinem Vorleben zu tun. Angefangen hat Strunk mit Studio Braun. Das war juckpulveriger Pennälerhumor auf sprachlich unverschämt hohem Niveau. Drei Männer machen Telefonstreiche und spielen Penisorakel, solche Sachen. Dann aber ging es entlang seiner eigenen, größtenteils verkorksten Biografie stilsicher treppab (Fleisch ist mein Gemüse). Und mit seinem ureigensten Mr. Hyde namens Jürgen Dose, einem liebenswerten Universalverlierer inmitten shabbyschicker Provinztristesse, fegte der Autor – um im Bild zu bleiben – schließlich fröhlich pfeifend den Keller, und das gleich mehrfach.

Dabei muss er entdeckt haben, dass der teutonische Humorbunker noch einen gut verborgenen Tiefkeller besitzt, und natürlich stürzte er sich strunks hinein: Mit dem schmiersuffpoetischen Mörder-Meisterwerk Der goldene Handschuh, das gerade von Fatih Akin verfilmt wird, knallte der Qual-Hamburger dem verdutzten Publikum, das sich die Bösartigkeit des Banalen so komisch-unkomisch gar nicht hatte vorstellen können, sozusagen das deutsche In Cold Blood vor den Latz. Heinz Strunk ist damit endlich ganz unten angekommen.

Wie schaurig schön, dass die neuen Kurzgeschichten genau hier anschließen. Das Teemännchen ist eine erstaunlich lebendige Feier des Verwelkens. Das war nicht unbedingt vorauszusehen, weil dieser heiß gelaufene Generator inzwischen alles gleichzeitig produziert, kalauernde Studio-Braun-Witze, Jürgen-Dose-Bücher, romantische Filme, Muckefuck-Musik, rückenbehaartes Intimtagebuch und eben, wie hier zu besichtigen, auch Miniaturen über die Vergeblichkeit des Miteinanders: Stets kommen die dreckigen Lüste und noch dreckigeren Lustverluste dazwischen.

Im Kern aber geht es stets um dasselbe: Wie der Mann, das zwei- und zumal das dreibeinige Mängelwesen, trostlos fluchend in Richtung Grube strauchelt. Dabei ist ihm eine kuriose Komik eigen, die dieser Autor wie kein zweiter einzufangen versteht. Alles ist schrecklich in den vorliegenden Geschichten, und doch wärmt ihre aufrichtige Lakonie. Nie hat man das Gefühl, die grenzenlos Einsamen würden verlacht. Alles wirkt vielmehr zutiefst wahr, gerade auch das Peinliche. Ja, so ist es (leider, leider).

Am Nasenring ihrer hässlichsten Schwächen zieht der Autor die einander quälenden Protagonisten ans Licht. Der öde Tontechniker Mike etwa, ein lebenslanger Autobahnkriecher, bestraft seine an ihm verzweifelnde Frau durch nochmaliges Drosseln des Tempos auf 60: "sie werden nie ankommen". Dass Männer und Frauen auf Dauer nicht miteinander können, kennt man schon von Strunk, aber diesmal schiebt sich eine andere Front nach vorn: Alt gegen Jung. Mit Vernichtungsverachtung beäugen die Kohorten einander: "Wenn doch nur eine Bombe explodierte oder ein irrer Attentäter käme, sie niederzumähen". Zahlreiche angezählte Männer (selbst Axl Rose) holen sich Abfuhren bei jungen Frauen, es ist wie eine Nahtoderfahrung. Man kann das durchaus Psychopathogenese der alternden weißen Käuze nennen. Eine Seelenkunde. Nur ist da rein gar nichts am Seelengrund, bestenfalls ein Neandertalerreflex: "’ne dicke hässliche Olle an der Seite" heißt, gescheitert zu sein. Fieser geht es nicht. So keult man, bis man gekeult wird. Einsamkeit zum Anfassen.

Die todtraurigen Geschichten können vom Versauern einer immer unansehnlicher werdenden Sexbombe im Grilleck handeln, von kartoffeligen Schwulen, die zu Messies mutieren, von Babys anspuckenden Junkies, von Frühmorgens-Puffgängern, von ausgebooteten Altlinken, von Raststätten-Spielsüchtigen im wabbelnden Fett. Manche Erzählungen sind surreal angehaucht, wenn etwa Kleinwüchsige sich aus Versehen ins Klo spülen oder ein Mann eine hyperkafkaeske Verwandlung durchmacht (der Hintern wandert nach vorn). Deprimierend wirkt all dies nicht, eher wie eine beamtensorgfältige Bestandsaufnahme des allzu menschlichen Verfalls. Ecce homo, Haken dran.

Strapaziöse Großthesen sind zum Glück nur wohldosiert eingesetzt: "die Verhältnisse produzieren andauernd Erschöpfung ... Man darf froh sein, da noch ein Weilchen mithalten zu können." Viel wichtiger ist die brutalistische Akkuratesse im Detail. Gestochen scharf etwa wird die Totalpleite des antriebslosen Teeladenbetreibers ausgemalt: "Selbst auf der stark reduzierten Ware bleibt er sitzen." Und doch ist das Hoffen nicht kleinzukriegen, eine Hoffnung auf Augenhöhe mit dem Unglück: "dass eben doch alles nur ein Traum ist". Und zumindest ein paar Kalauer lassen sich in die Grube vielleicht mitnehmen.