Neulich, bei einem Abendessen mit Freunden auf einer Dachterrasse in Prenzlauer Berg – wo sonst? –, kam die Frage auf, warum wir nicht längst auf der Straße seien. Wir liberalen, weltoffenen, ökologisch bewussten Dachterrassen-Abendesser, um uns dem fortschreitenden Rechtspopulismus, Nationalismus und Trumpismus in den Weg zu stellen; um die liberale Gesellschaft, die Demokratie, den Multilateralismus zu retten. Und damit auch uns selbst. Warum also nicht?

Mitten in der Debatte – es gab übrigens Scampi und Soave – fiel mein Blick auf drei graue Flecken an einer weißen Wand. Farbproben. Unsere Freunde wollen die Wand streichen, wissen aber noch nicht, ob in Purbeck Stone, Cornforth White oder Worstedt. Es müsse aber auf jeden Fall eine hochpigmentierte Farbe jener Marke sein, die aus England stammt, in Toronto ihren Showroom hat und zwischen All White und Pitch Black vieles bietet, was einem die eigene Wand lieb und vor allem teuer macht. Und da wusste ich plötzlich, warum wir noch nicht auf der Straße sind. Wie sollen wir Dachterrassen-Abendesser die Demokratie retten, wenn wir nicht wissen, ob wir sie lieber in Book Room Red oder in Cooking Apple Green haben wollen?