Achtundfünfzig Minuten. Nur 58 Minuten benötigt der IC mittlerweile von Leipzig nach Dresden-Neustadt. Dabei habe ich manchmal das Gefühl, es lägen Welten zwischen den beiden sächsischen Metropolen. "Bitte nicht schon wieder!", denke ich oft, wenn die Landeshauptstadt zum x-ten Mal wegen erhöhten Aufkommens von missmutigen Trägern von Hütchen in Deutschlandfahnen-Optik in die Schlagzeilen gerät. Vergangene Woche war es wieder so weit: Rund um die Proteste gegen den Kanzlerinnenbesuch an der Elbe spielten sich vor Kameras Szenen ab, deren schwarz-rot-goldene Protagonisten es dem Zuschauer wieder einmal schwer machten, Dresden als reinen Hort ästhetischen und weltoffenen Gedankengutes im Herzen zu behalten. Aber welche Stadt kann das schon von sich behaupten?

Der sich dort rituell versammelnde Pegidist gerät immer wieder in den Fokus einer Aufmerksamkeit, die er zumindest aus Fairnessgründen gegenüber anderen, interessanteren, engagierteren und begrüßenswerteren Zeitgenossen meines Erachtens nicht verdient hat. Außerdem ist es auch ehrlich gesagt langsam äußerst mühselig, als zufällig in Sachsen Lebende dem Rest des Landes den hasserfüllten sächsischen Demonstranten erklären zu müssen. Ich stelle fest: Ich sehe mich dazu außerstande.

Politik hin, Dresden her – auch ich bin vor zwei Wochen wieder in die Landeshauptstadt gefahren. Es gibt schließlich Menschen, die man gern hat und die aus freiem Entschluss in Dresden leben. Ich stand also im Barockviertel, wo plötzlich Verbotene Lust durch die malerischen Gassen wehte. In diesem Falle war dies der Titel einer Ausstellung von Bildern Eva-Maria Hagens, einer der schönsten Schauspielerinnen, die Ostdeutschland jemals hervorgebracht hat. Als lustvolle und keineswegs tiefbegabte Malerin haben vielleicht nicht ganz so viele die heute 83-Jährige auf dem Schirm.

In der Ausstellung wurden die prallen, erotischen Lebens- und Liebeslust-Werke von Ninas schöner Mama in wunderbarer Atmosphäre dargeboten – mit Lichteinfall, Musik und Originalstühlen aus dem Haus der DSF, der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft.

Die Wucht der Galerie aber war der Galerist und Maler Holger John höchstselbst. Einer wie John muss nicht zu Demonstrationen gehen, er ist selber eine.

Mögen Sie Menschen, die mit einer zum Credo erhobenen Leichtigkeit und jeder Menge Schalk in den Augen genau das Sehnsuchtsziel verkörpern, das so viele sich wünschen – Leidenschaft und Liebe für das, was sie leben? Sehen Sie, ich auch.

Holger John ist so einer, das spürte man bereits in den ersten Geplänkelminuten mit ihm sofort. Der hat sein Leben der Kunst gewidmet. Und diese Begeisterung springt über. Als befände man sich in einem Flohzirkus auf Koks.

Und das entbehrt zwangsläufig nicht jeglicher politischer Haltung oder Nähe zu den Erfordernissen der Zeit. Ganz im Gegenteil. Denn auch da ist der Künstler einer, der durch Ungewöhnlichkeiten Mut macht. Im Oktober 2015 machte Holger John seine Galerie ganz einfach zum "Refugium der Kunst von morgen", stellte Zeichnungen aus der Flüchtlingszeltstadt in Dresden aus und lud Kinder von geflüchteten Familien zum Zeichnen in seine Galerie ein. "Ich war ohnmächtig", sagt er, "was soll noch Kunst ...? Flüchtlingszeltstadt in Dresden?! Also alles abgesagt und Flüchtlingskinder eingeladen, die in der Galerie gemalt haben. Mit Kindern aus der Schweiz, aus Russland, von hier. Der Direktor vom Volkskunstmuseum hat Schlagzeug gespielt. Das war die beste Aktion seit Langem. Nahezu folgerichtig schloss sich dann die Ausstellung junger zeitgenössischer Kunst aus Syrien an."

Fünf Jahre existiert nun die Galerie, die ursprünglich nur als "Galerie für eine Nacht" geplant war. Mittlerweile ist sie aus Dresden nicht mehr wegzudenken. Im Gegenteil: Man sollte sie besser hineindenken, gäbe es sie nicht. Weil sie den Spagat zwischen Vergangenheit, Heiterkeit und Zeitbezug schafft. Schnee von gestern hieß eine Ausstellung über DDR-Kunst, die zu Beginn des Jahres in nur fünf Wochen über 4000 Besucher anlockte. Möglicherweise auch, weil John "Schnee von gestern" jenseits jeglicher Ostalgie-Muffigkeit darzubieten verstand. Und auch sonst scheint er ein Händchen zu haben für Themen und leicht provokante Titel, ist gern einer, der aus dem Rahmen fällt, ein bisschen laut und verspielt ist. Und das Wichtigste: der mit seinen Ausstellungen Geschichten erzählt.

Geschichten, die es wert sind, gehört und gesehen zu werden. Weil sie weder fade noch belehrend noch einseitig sind. Und weil sie die Menschen wieder ein bisschen zurechtrücken – näher zu ihrer Vergangenheit, näher zu ihrer Zeit, näher zueinander.

An diesem Sonntagnachmittag in Dresden-Neustadt vermochte ich vollkommen sämtliche Pegida-Schreihälse zu vergessen, zumindest für den Moment.

Denn hier bringt man die Stadt mit diesen Unsäglichkeiten gedanklich einfach nicht zusammen.

Weil es selbstverständlich auch Menschen in Dresden gibt, die – wie Holger John – anderen eine Sicht auf die Dinge auftun, die nur geschaffen zu sein scheinen, um Menschen zu erfreuen und anzuzünden, ihre Perspektiven zu weiten und den Korridor ihrer Sorgen zu versperren.

Aber man kann all das vielleicht nicht gut sehen, wenn man das Deutschland-Sonnenhütchen ständig zu tief ins Gesicht zieht.