Eine gewundene Straße führt den Hügel Favelinha hinauf, an provisorischen Häuschen und Kneipen mit Plastikstühlen vorbei. Am Eingangstor eines halb zerfallenen Hauses steht ein junger Mann mit gezogener Pistole. Er schreit eine Frau an: "Was machst du mit diesem vacilão", diesem Verräter?" Die Frau, stämmige Statur, feine Gesichtszüge, drückt ihn zur Seite und antwortet: "Wer ist hier der Chef?"

Die dona do morro, Chefin des Hügels, ist sie: Fabiana Escobar. Und auf der Terrasse des Häuschens liegt ein Rivale, der auf ihr Kommando hin erschossen worden ist. Die Frau ist hier, um die Arbeit ihrer Killer zu kontrollieren, sie beugt sich über die Leiche. Dann nickt sie, zieht ihre hochhackigen Schuhe aus, zündet sich eine Zigarette an und sagt zu ihrem Begleiter: "Das war’s schon für heute."

Diese Szene wird bald in Brasilien im Kino zu sehen sein, in einem Film über Drogenhandel und den Alltag in der Favela. Die Frau, die sie hier gerade dreht, ist aber nicht bloß irgendeine Schauspielerin. Es ist die frühere Chefin einer Drogenbande, Fabiana Escobar. Die Ex-Gattin des einstmals größten Drogendealers der Stadt wurde früher Bibi Perigosa genannt – Bibi, die Gefährliche. Ihr Ex-Mann, Saulo da Sá Silva, sitzt inzwischen im Gefängnis, aber sie ist frei. Mit dem kolumbianischen Drogenboss gleichen Namens hat Escobar übrigens nichts zu tun, der Name ist in Lateinamerika sehr verbreitet. Doch wie er in Kolumbien ist Bibi Escobar in Brasilien berühmt, sie ist ein Fernsehstar und eine Bestsellerautorin. Sie stehe für beruflichen Erfolg – so sieht sie das. Sie stehe für die "Reinwaschung des organisierten Verbrechens" – so sieht es der frühere Justizminister Alexandre de Moraes.

Das Publikum aus der Mittelschicht feiert sie mit einer Mischung aus Grusel und Spaß

"Ich habe das Gesetz gebrochen, beweisen kann es mir aber keiner", sagt Escobar. Jedenfalls wurde sie für ihre Rolle als Partnerin des Gangsters nie belangt. Sie zieht aus den wilden Zeiten aber eine Menge Profit: Escobar wird von ihrem Publikum, das überwiegend aus der Mittelschicht stammt und nie im Leben einen Fuß in eine Favela setzen würde, mit einer Mischung aus Grusel und Spaß gefeiert.

In vielen Teilen Rios und auch in Escobars Heimatfavela Rocinha herrscht seit ein paar Monaten Krieg. Einige große Drogenbosse der Stadt sind in den vergangenen Jahren ins Gefängnis gesteckt worden, die Polizei und die Sicherheitskräfte griffen vor der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 hart durch, jedoch befehligen einige der Festgenommenen nun aus dem Gefängnis ihre Banden. Als die Spiele vorüber waren, bliesen sie zum Angriff auf Territorien der Konkurrenz: Eroberungen und Rückeroberungen führten zu einer Eskalation der Gewalt, die auch auf einige bürgerliche Stadtteile übergriff.

Anfang dieses Jahres marschierte sogar das Militär in Rio ein, um die Polizei zu unterstützen. Die Gewalt ist dadurch nicht zurückgegangen. In der ersten Hälfte dieses Jahres starben bei 4.892 Schießereien 742 Menschen. Alle paar Tage müssen die großen Stadtautobahnen gesperrt werden, weil Bewohner der gegenüberliegenden Straßenseiten in eine Schießerei verwickelt sind. Eine halbe Million Bürger hat inzwischen die App "Onde Tem Tirotéio" heruntergeladen, die anzeigt, wo gerade in Rio eine Schießerei stattfindet.