Ein Café am Berliner Landwehrkanal in Neukölln. Sie sitzt da schon und hält interessanterweise nicht ihr Handy, sondern eine Zeitung in der Hand: Fatma Aydemir, 32, Romanautorin, taz-Redakteurin. Die ihr oft angeklebten Label heißen "Migrantenkind" und "Stimme junger Deutschtürkinnen in Berlin". Im März 2017 erschien ihr Roman Ellbogen, gerade hat Aydemir in einer Anthologie der klugen, feministischen und brutal anstrengenden Frauen (Helene Hegemann, Anna Prizkau, Margarete Stokowski und andere) eine Erzählung veröffentlicht.

Ein Ei, erklärt sie, gehe heute nicht, dafür habe sie gestern Abend zu viel getrunken. Also lieber einen Joghurt mit Chia-Samen. Ist der Begriff Deutschtürkin eigentlich okay, oder hat sie da schon etwas Besseres gefunden? Sie schüttelt lässig den Kopf: "Er ist ein bisschen hässlich, so technokratisch deutsch, oder? Aber klar, ich kann mit dem Begriff leben."

Wie kommt das eigentlich, dass wir uns nach 50 Jahren türkischer Migration jetzt plötzlich alle über Rassismus unterhalten? Natürlich, Sommerloch und Mesut Özils DFB-Attacke seien die Auslöser für die Rassismusdebatte. Noch ein Satz zum zurückgetretenen Nationalspieler: "Es war wichtig – ja ein Geschenk für die Debatte in Deutschland –, dass jemand, der so reich und bekannt ist und Fußball spielt, diesem Land Rassismus attestiert."

Es liegt eine ganz wunderbare, auch kluge (gibt’s das?) Verschlafenheit in ihrem Gesicht. Natürlich, es ist schwer, über Fatma Aydemirs ausgesprochene Schönheit zu sprechen, ohne dabei wie einer der rührenden Trottel zu klingen, über die diese Autorin schon sehr gut sitzende, spöttische Absätze geschrieben hat. Sagen wir so: Ihre Lieblichkeit und ihre weiche, singende Stimme sind ein toller Kontrast zur Härte, Geschwindigkeit und Aggressivität ihrer Prosa, die einige Kritiker überfordert hat.

Aydemirs ästhetisches Prinzip, der verlogenen Liberalität der Deutschen ihre Verachtung entgegenzusetzen, ist ja genau richtig und vor allem künstlerisch produktiv – etwas von dieser Härte wollen wir jetzt hier bei diesem Frühstück haben. In Texten hat sie Deutschland schon als shithole country, als Drecksloch, bezeichnet. Wie lautet ihr aktuelles Lieblingsschimpfwort für dumme, hässliche Deutsche? Sie lächelt ein bisschen verschämt. Gut, der Klassiker sei "Kartoffel", im Trend sei der "Alman", türkisch für Deutscher. Interessant ist, dass die Autorin mit deutschem Pass die Nicht-Türkischstämmigen in ihrem Roman als "die Deutschen" bezeichnet. These: Vor drei Jahren wäre das für eine deutsch-türkische Autorin noch nicht opportun gewesen. "Ich fühle mich als Teil dieses Landes, das ist meine Realität, ich habe keine andere Heimat. Und ich würde trotzdem nicht sagen: Ich bin Deutsche."

Hält diese Frau, die gleichzeitig gelangweilt und amüsiert gucken kann, deutsche Männer für Waschlappen und Schwächlinge? Freude und Gelächter, weil das Wort "Waschlappen" an sich ja schon lustig ist. "Wenn wir von Stereotypen reden: Ich kann dem nicht widersprechen." Es fällt nun der feministische Begriff "Mansplaining" (herablassende Erklärungen eines Mannes gegenüber Frauen), der weiter konjugiert werden könne zu "Whitesplaining" oder "Germansplaining". "Das Besserwisserische vieler deutscher Männer ist unsexy. Alles muss tausendmal diskutiert werden. Männer hören nicht zu, sie wollen uns bekehren – sie labern uns voll mit ihrem superwichtigen Scheiß."

Ein paar Sätze zum verflixten zweiten Roman, der noch nicht geschrieben ist: Er muss nicht unbedingt wieder im migrantischen Milieu spielen (oder, weil alle Blödmänner das dann blöd finden, eben genau doch). Der aus den USA stammende Hashtag #allmenaretrash, den eine taz-Kollegin in Deutschland etabliert hat, muss jetzt noch ausführlich besprochen werden. Mit einer wieder schönen, natürlich auch ein wenig kokett wirkenden Bewegung verjagt sie eine Wespe vom Joghurt.

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