Manchmal verbirgt sich eine spektakuläre Lage in einem unauffälligen, fast banalen Wort. Dieser Tage ist es das einschränkende "aktuell", das der Regierungssprecher Steffen Seibert in sein Dementi zu möglichen deutschen Hilfen für die Türkei einflocht: Nein, so Seibert zu Beginn dieser Woche, "die Frage stellt sich für die Bundesregierung aktuell nicht".

Aus dem Bundespressedeutschen ins Allgemeinverständliche übersetzt: Die Bundesregierung hat zwar nicht die Absicht, Milliarden an den Bosporus zu überweisen – schließt aber auch nicht aus, der Türkei zu helfen, sollte die Wirtschaft dort weiter abschmieren.

Ein erstaunlicher Politikwechsel in einer außenpolitischen Beziehung, die nahezu hoffnungslos vergiftet schien durch Erdoğans Geiseldiplomatie, seine "Nazi"-Beschimpfungen deutscher Politiker und den immer radikaleren Umbau der Türkei zu einem autoritären Staat. Doch als Andrea Nahles nun im Konjunktiv für Wirbel sorgte, weil sie sagte, es könne "eine Situation entstehen, in der Deutschland der Türkei helfen muss, unabhängig von den politischen Auseinandersetzungen mit Präsident Erdoğan", da machte sie das deutsche Umdenken lediglich kenntlich. Begonnen hat der Strategiewechsel schon früher.

In zahlreichen Gesprächen und Verhandlungen haben Vertreter des deutschen Außen-, des Finanz- und des Wirtschaftsministeriums seit Monaten versucht, die wirtschaftliche Notlage der Türkei für eine Wiederannäherung zu nutzen. Dass sich die Lage zuletzt stark verschlimmerte, sorgt für neuen Druck. So sind für den 21. September in Berlin Gespräche zwischen den Finanzministern Scholz und Albayrak geplant. Letzterer ist zugleich auch Erdoğans Schwiegersohn – und steht damit für eines der Hauptprobleme der türkischen Regierungsführung. Eine Woche später wird Erdoğan selbst zum Staatsbesuch nach Berlin kommen. Spätestens dann könnte die Frage nach deutscher Hilfe hoch aktuell sein.

1. Warum sollte Deutschland der Türkei helfen?

Es gibt drei Gründe dafür, dass Deutschland dem türkischen Drama nicht schadenfroh zusehen sollte: einen innenpolitischen, einen ökonomischen und einen geopolitischen. Jede Krise in der Türkei wirkt sich auch auf die Millionen türkeistämmigen Deutschen und deren Familien aus. Eine Eskalation der Krise könnte an den Märkten den sogenannten Ansteckungseffekt auslösen. Dann würde von verunsicherten Anlegern auch Kapital aus Italien oder Spanien abgezogen – die Euro-Krise wäre zurück. Und schließlich: Eskaliert der Streit der Türkei mit den USA weiter, der deren wirtschaftliche Probleme verschärft hat, könnte das den Nato-Austritt der Türkei provozieren. Wendet sich das Land vom Westen ab und gar Russland zu, würde das die Europäische Union und die Nato nachhaltig schwächen.

Deutschland hat also ein großes Interesse an einer stabilen Türkei. Nicht aber daran, Erdoğans autoritäre Herrschaft dort zu zementieren. Das Dilemma besteht darin, dass die Deutschen der Türkei zwar helfen wollen, aber eben nicht ihrem Herrscher.

Dass die Lage für die Türkei zuletzt so rasch so schlecht wurde, liegt auch an einem Streit mit dem US-Präsidenten Donald Trump. Weil sich die Türkei weigert, den amerikanischen Prediger Andrew Brunson freizulassen, der seit zwei Jahren wegen "Terrorverdachts" festgehalten wird, hat Trump Zölle auf türkische Produkte erhöht und Wirtschaftssanktionen verhängt, die jetzt die türkische Lira abstürzen lassen. Auch die Lieferung von 100 F-35-Kampfflugzeugen wurde gestoppt.

Kurzfristig hat Erdoğan diese Auseinandersetzung mit den USA eher genützt, jedenfalls innenpolitisch. Im Konflikt mit Trump kann er die Türken hinter sich scharen, die Opposition versucht den Präsidenten in seinem Anti-Amerikanismus noch zu übertreffen.

Außerdem haben die USA Erdoğan eine Erklärung frei Haus geliefert, warum es mit der Wirtschaft bergab geht. Nicht die verfehlte Politik des Präsidenten, die horrende Bauspekulation, die Korruption und der Druck auf die Zentralbank sind schuld – sondern die US-Sanktionen.