Schon Wochen vor dem ersten Schultag hat Amira ihren neuen Rucksack gepackt. Seitdem steht er neben ihrem Bett, dicht am Kopfkissen, wo sie ihn immer sieht. Rosa ist er und hat vorn das Wort "Love" aufgestickt, auf Deutsch "Liebe". Im Ranzen stecken bunte Schnellhefter, eine Federtasche mit Einhorn und ein dicker roter Klebestift. Stolz führt Amira ihren Schulrucksack an einem Tag im Juli vor, als zeige sie einen kleinen Schatz. Am liebsten würde sie ihn aufsetzen und sofort losgehen.

Viele Kinder in Deutschland fühlen sich so wie Amira, wenn sie ihren Ranzen bekommen. Und viele Kinder sind genauso aufgeregt, bald endlich ein Schulkind zu sein. Auch Amira wird jetzt im August zum ersten Mal in einem deutschen Klassenzimmer sitzen. Eine Schule zu besuchen ist für sie aber nicht neu. Amira ist 13 Jahre alt, ihren allerersten Unterrichtstag hat sie in ihrer alten Heimat erlebt, dem Irak.

Amira heißt mit ganzem Namen Amira Ibrahim Shekh Khdhir. Sie hat lange braune Haare, trägt runde goldene Ohrringe und eine Brille, die sie nicht so gern mag. Zusammen mit ihren Eltern, ihren zwei jüngeren Brüdern und ihrer älteren Schwester ist sie aus ihrer Heimat geflohen. Im Irak fürchtete die Familie um ihr Leben.

2014 haben Terroristen nachts die Stadt gestürmt, in der Amira lebte. Sie zündeten Häuser an, entführten und töteten Menschen. Amiras Familie versteckte sich in den Bergen. Es ist nur für kurz, dachten sie damals. Doch seitdem sind sie nicht wieder nach Hause zurückgekehrt. Nicht einmal, um ein paar Sachen zu holen.

Amiras neuer Schulranzen ist für sie auch deshalb ein solcher Schatz, weil es die einzige Tasche ist, die sie besitzt. Sie durfte ihn selbst aussuchen, in einem kleinen Schreibwarengeschäft im Ort Winsen in Niedersachsen. Hier lebt die Familie seit dem vergangenen Dezember in einer Flüchtlingsunterkunft. Zu sechst teilen sie sich zwei kleine Zimmer. Sie sind froh, dass sie hier in Sicherheit sind, aber sie sitzen auch viel aufeinander, und das ist für alle anstrengend. Amira vermisst besonders eine Freundin, denn alle Kinder in der Unterkunft sind jünger als sie. Sie freut sich sehr auf die Schule, weil sie dann endlich Gleichaltrige kennenlernen kann, erzählt sie.

Und gleichzeitig wird das mit dem Kennenlernen nicht ganz leicht. Amira spricht Kurdisch und Arabisch, Deutsch hat sie bisher nur ein wenig gelernt, in einer Art Ferienkurs für Flüchtlingskinder. Bei unserem Treffen ist ein Übersetzer dabei, damit wir uns verständigen können. Der wird im Klassenzimmer aber nicht neben Amira sitzen und ihr erklären, was die anderen Kinder und die Lehrer gerade sagen. Doch Amira sagt: "Wenn ich endlich deutsche Kinder kennenlerne, kann ich die Sprache besser üben."