Wer in der Wissenschaft ganz nach oben möchte, muss vor allem gut forschen können. Reicht das aus?

Professor

Wie wird man eine brillante Wissenschaftlerin, ein Spitzenforscher, eine Meisterdenkerin? Talent braucht es, natürlich. Und auch ein, zwei Quäntchen Glück. Vor allem aber Fleiß: Man muss Schriften publizieren, auf Konferenzen sprechen, Studierende unterrichten, Geld einwerben. Sich jahrelang durchbeißen, um es auf die Professur an einer Universität zu schaffen. Nur wer dort glänzt, kann noch höher aufsteigen. In die Max-Planck-Gesellschaft zum Beispiel, eine Institution, die schon den größten Geistern Freiheit schenkte: dem Physiker Albert Einstein, dem Philosophen Jürgen Habermas, der Biologin Christiane Nüsslein-Volhard oder dem Mathematiker Peter Scholze. Sie alle wurden an ein Max-Planck-Institut berufen, das sie als Direktor, als Direktorin leiten durften. Es wurde ihnen nämlich das Denken des bisher Ungedachten zugetraut.

Die Besten unter den Besten

Max-Planck-Institute gelten als Forschungsparadiese – auf der ganzen Welt. Verklärung inklusive. Die deutschen Universitäten mögen einen ausgezeichneten Ruf haben, manche sich sogar mit einem Exzellenz-Fähnchen schmücken. Die elitäre Speerspitze der deutschen Wissenschaft aber, das sind die 84 Institute der Max-Planck-Gesellschaft. Ihr Kürzel, MPG, ist ein Siegel nicht für die Besten – sondern die Besten unter den Besten.

Die 301 Direktorinnen und Direktoren, die es gegenwärtig gibt, arbeiten unter hervorragenden Bedingungen. Zum einen in ökonomischer Hinsicht: 1,8 Milliarden Euro erhält die Max-Planck-Gesellschaft jährlich von Bund und Ländern. Zum anderen profitieren sie von einem ungewöhnlich weiten Gestaltungsfreiraum. Welche Schwerpunkte sie in ihrer Arbeit setzen, wen sie einstellen, welche Visionen und Gepflogenheiten ein Institut prägen – alle Strukturen, die an den Universitäten vorgegeben sind, dürfen Max-Planck-Direktoren nach eigenem Ermessen gestalten. "High-Trust-Prinzip" nennt sich dieser Ansatz des größtmöglichen Vertrauens. Ihr kriegt die Freiheit, wir kriegen den wissenschaftlichen Durchbruch. Das ist die Gleichung.

Die Sache mit der Freiheit ist bloß die: Nicht alle können mit ihr umgehen.

Man kann in diesen Tagen verfolgen, wie die Max-Planck-Gesellschaft von ihrem eigenen Prinzip gejagt wird. Drei Institute sind wegen wissenschaftlichen oder persönlichen Fehlverhaltens in die Kritik geraten. Da ist das Max-Planck-Institut für Kybernetik in Tübingen, das wegen angeblicher Tierquälerei an Versuchsaffen Schlagzeilen machte; der Vorwurf ist von den Tübinger Gerichten noch nicht abschließend geklärt. Da ist das Max-Planck-Institut für Astrophysik im bayerischen Garching, an dem eine Direktorin ihre Mitarbeiter schikaniert haben soll: Sie habe ihren Kollegen mit Kündigung gedroht, gemobbt. Seither besucht die Direktorin ein professionelles Coaching. Und auch an einem weiteren Max-Planck-Institut wird einer Führungspersönlichkeit die Missachtung arbeitsrechtlicher Regeln vorgeworfen; die Person bestreitet diese Vorwürfe allerdings öffentlich vehement.

Sind Hierarchien in der Wissenschaft noch zeitgemäß?

Man kann diese Fälle relativieren: Drei von 301 sind nur ein Bruchteil angesichts von insgesamt 23.000 Mitarbeitern. Man kann aber auch die Systemfrage stellen: Kann es sein, dass die Architektur der Max-Planck-Gesellschaft in Schieflage geraten ist – weil die steile Hierarchie zwischen den privilegierten Direktoren und jenen, die ihnen zuarbeiten, nicht mehr zeitgemäß ist? Sind also womöglich die Besten der Besten gar nicht so großartig, wie getan wird – zum Beispiel weil die Kriterien, nach denen sie auserkoren werden, ausschließlich ihre wissenschaftliche Exzellenz zum Maßstab nehmen, nicht aber die Frage, ob sie in der Lage sind, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der Wissenschaft als solche gedeiht? Passt das Prinzip des Wissenschaftlers an der Spitze überhaupt noch in eine Zeit, in der Spitzenwissenschaft ohnehin im Team erarbeitet wird?

Es war eine Revolution, als nach der Jahrhundertwende mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. die erste große außeruniversitäre Forschungseinrichtung gegründet wurde. Die Vision, frei von den Mühen der Ausbildungslast im Hörsaal wissenschaftlich zu arbeiten – sie sprengte das Humboldtsche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. Nötig wurde das, weil die Industrialisierung deutliche Erkenntnislücken in die sich modernisierende Gesellschaft riss. Chemie, Physik, Biologie, Medizin – man musste darüber mehr wissen, Grundlegendes, um von anderen Industrienationen nicht überholt zu werden.

Am 11. Januar 1911 um 11 Uhr vormittags erfolgte daher die Gründung, mit privatem Spendenkapital und allem Pomp. Der Kaiser wurde Schirmherr, der Theologe Adolf von Harnack erster Präsident und Minerva, die Göttin der Weisheit, zu ihrem Emblem.

Direktoren sollen "Persönlichkeiten" sein

Dass die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft heute anders heißt, markiert, dass sie nicht ohne eine Vergiftung ihrer eigenen Ideale durch die NS-Zeit gegangen ist. Die Besten der Besten hatten sich dem Hitler-Regime angedient. Bezeichnend aber ist die Neugründung 1948 auch deswegen, weil die Gesellschaft sich nach einem ihrer eigenen großen Wissenschaftler benannte, dem Quantenphysiker und Nobelpreisträger Max Planck. Sie fand damit zu ihrem Ideal zurück, das bis heute (nach ihrem ersten Präsidenten) als "Harnack-Prinzip" bekannt ist: dass es am Ende – so bedeutend die Zusammenarbeit der Forscherteams auch sein mag – eben doch der eine besonders kluge Kopf ist, der die entscheidende Entdeckung macht.

Die Direktoren der Institute profitieren von diesem Zuspruch. Sie dürfen und sollen zuvörderst eine "Persönlichkeit" sein, wie Max Planck es formulierte, sie müssten "die Seele des Instituts" sein, der "Herr im Hause". Sie waren und sind, bis heute: der Boss.