Der Mann "setzte sich quer zu seinem Schreibtisch, blies sich gleichsam auf, wurde scheinbar größer und wirkte verquollen, das Gesicht gelb, angespannt, aber mit bösen, fast könnte man sagen genießerischen Zügen, wie ein Tier, das sich gleich seiner Beute zuwenden wird, nachdem es sie durch Angst einflößende Gebärden eingespeichelt hat. Das war sehr unangenehm." So liest sich der sagenumwobene Text, "aufgezeichnet am 24. März 1995, abends", der seither als Typoskript unter Auserwählten von Hand zu Hand ging. Titel: Nachmittag mit dem Chef.

Der Porträtierte ist Frank Schirrmacher, der 2014 verstorbene Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; der Autor ist Henning Ritter, seit 1986 bei der FAZ der legendäre für Geisteswissenschaften zuständige Redakteur, der 2013 starb. Jetzt hat den Text die Zeitschrift für Ideengeschichte publiziert. Es geht darin um den Charakter eines Chefs, der seine Redakteure so quälte, dass es immer wieder zu Aufständen und Abwanderungswellen kam. Eines der bedrohlichen Gespräche hat sein Untergebener Ritter damals, noch aufgewühlt, beschrieben: in meisterhaft gebändigter Form, psychologisch und physiognomisch messerscharf beobachtend, ein Protokoll als literarische Miniatur. "Ich war wohl etwas bleich, als ich ihm gegenübersaß, und zitterte merklich", so sah Ritter sich am Anfang, bevor Schirrmacher ihn wegen einer "Zusammenrottung" anging, eines Protestbriefs der Redakteure.

Der Ängstliche gewann aber wieder Fassung – und sein Gegenüber veränderte sich: "Das Drohende zog sich aus den Gesichtszügen und Gebärden zurück, um ganz allmählich in eine immer deutlichere Weichheit überzugehen." Eine Metamorphose: "Plötzlich saß mir ein weinender, schluchzender Herausgeber gegenüber, der mir fast flehend ein Verständnis für die Belastungen abverlangte, unter denen er von einem gewissen Zeitpunkt an gestanden habe." Der Chef log, aber die Fiktion "verstellte nicht den Zugang zum Kern der Person, sondern gab als erfundene den Schlüssel zu ihr preis – den unter eingebildeten Bedrohungen gewachsenen Willen zur Überlegenheit".

Schirrmacher befeuerte die eigene Sentimentalität, indem er das Verhältnis zu Ritter "unsere Geschichte" nannte, aber Ritter begriff die Pointe: "Denn uns verband ja, dass wir von der ersten Stunde an, wie ich in Erinnerung rief, mit geringen zeitlichen Unterbrechungen verfeindet gewesen waren. Das hatte nun etwas so Trautes, fast Freundschaftliches, weil diese Feindschaft so lange gehalten hatte." Doch der intime Moment verflog: "Meine anfängliche Unsicherheit hatte sich in Festigkeit, und seine brutale Gewissheit in Schwäche verwandelt." Sie gingen auseinander, aber vorbei war natürlich nichts.

Zeitschrift für Ideengeschichte. Heft XII/3, Herbst 2018; C.H. Beck, 128 S., 14,– €