In der nagelneuen Altstadt Frankfurts ist äußerlich alles fertig, in ein paar Wochen wird sie eingeweiht, und unwissende Betrachter könnten glauben, sie hätten eine vom Krieg verschonte Traditionsinsel vor sich. Wie bei anderen Rekonstruktionen, etwa in Braunschweig, Berlin oder Dresden, steht auch hier in Frankfurt der Vorwurf von Fälschung und Geschichtsklitterung im Raum. Der eigentliche Streit allerdings, der sich bereits im Frühjahr entzündete, als die Bauzäune fielen, ging auf eine Enthüllung zurück: Unter den geistigen Urhebern der Rekonstruktion, so stellte sich heraus, war ein echter Rechtsextremist gewesen. Er hatte den entscheidenden ersten Antrag formuliert, der 2005 im Frankfurter Stadtparlament durch eine ansonsten bedeutungsarme Rechtsaußen-Bürgerliste eingebracht wurde.

Zum wirklichen Skandal reichte das dann jedoch nicht. Die Altstadt-Idee hatte mehrere Väter, und dass es zur Rekonstruktion kam, war das Ergebnis eines breiten parlamentarischen Bündnisses, nicht anders als beim Berliner Schloss.

Dennoch lautet der Vorwurf mancher Kritiker weiterhin: In Frankfurt wolle man heute lieber nicht so genau wissen, auf wessen Initiative das neue Renommierprojekt zurückgehe. Aber wissen diejenigen, die deshalb die neue Altstadt auf einem "rechten Fleck" sehen, um die toxischen Voraussetzungen der Debatte? Wenn es Ausblendung unwillkommener Geschichte gegeben hat, dann auf beiden Seiten der jetzt neu errichteten Barrikade.

Wer heute der Rekonstruktion vorwirft, mit ihr werde eine unliebsame Vergangenheit verdrängt, sollte sich anschauen, woher diese Argumentationsweise stammt. Bereits um den Wiederaufbau des Goethe-Geburtshauses, das 1944 zusammen mit der Frankfurter Altstadt zerstört worden war, gab es erbitterten Streit. Die Rekonstruktion dieses Hauses sei Täuschung und behindere das notwendige Umdenken zur Demokratie, schrieb der Publizist Walter Dirks in seinem Essay Mut zum Abschied von 1947. Schließlich sei das Haus nicht durch einen Bügeleisenbrand oder Blitzschlag zerstört worden. So habe es "seine Richtigkeit mit diesem Untergang. Deshalb soll man ihn anerkennen."

Damals begann das, was man später die Aufarbeitung und Bewältigung nationalsozialistischer Vergangenheit nannte. Die Befreiung von Auschwitz, Buchenwald und Dachau lag erst zwei Jahre zurück. Es gab noch keine Aktion Sühnezeichen, keine einzige Gedenkstätte, bis zur Eröffnung des Holocaust-Mahnmals in Berlin sollten noch 58 Jahre vergehen. Die Ära der ersten Aufbauplanungen nach 1945 in Frankfurt ist schon einige Male nacherzählt worden, stets mit Zitaten von Walter Dirks – allerdings immer ohne die Vorgeschichte unter nationalsozialistischen Vorzeichen.

Die Totalzerstörung der Altstadt, die zehnmal größer gewesen war als das jetzt bebaute Gelände zwischen Römerberg und Dom, geschah während dreier Bombennächte im März 1944. Noch unter dem Schock des Verlusts begann das Freie Deutsche Hochstift, von dem das barocke Goethehaus seit dem 19. Jahrhundert als Museum betrieben worden war, umgehend eine Rekonstruktionsplanung, die nach Kriegsende ausgeführt werden sollte. Das kostbare Inventar hatte man schon bei Kriegsbeginn evakuiert. Am 1. Mai 1944 erschien ein Aufruf zum Wiederaufbau, aber nur eine Woche später wurde die Initiative von höchster Stelle infrage gestellt.

Der Völkische Beobachter, das Zentralorgan der NSDAP, konterte mit einem Bericht über das vernichtete Goethehaus, der einerseits als einfühlender Nachruf zu verstehen war, ebenso aber als Widerrede gegen die Absicht zur Rekonstruktion. Der Trümmerhaufen müsse "heute mit wachen Augen geschaut und hingenommen werden"; das Haus sei "dahin und ausgelöscht für alle Zeiten", allerdings sollten seine Reste eine Funktion haben – als Mahnmal an die Verbrechen der Feinde. Damit war das Stichwort zu donnernder Anklage gegeben, die nun in Variationen wiederkehrte, auf das Goethehaus ebenso bezogen wie auf die Altstadt. "Hier muß Hass heilig werden", textete die Rhein-Mainische Zeitung.

Wenig später wurde die Idealisierung des Hasses auf die ganze Frankfurter Altstadt ausgedehnt. Unter der Überschrift Was wird aus den Ruinen? zitierte der Frankfurter Anzeiger einen weiteren Bericht des Völkischen Beobachters, der jeglicher Nostalgie im Zusammenhang mit einem späteren Aufbau "unserer durch die barbarischen Angriffe aus der Luft hingemordeten Städte" eine Absage erteilte. Frankfurt am Main im Zustand vor der Zerstörung "modellgerecht" wiederherzustellen sei eine "monströse Vorstellung". Man müsse heute "zu dem radikalen Entschluß bereit sein, das, was gestorben ist, im Grabe ruhen zu lassen". In der Altstadt würde man "einzig die ausgebrannten Wahrzeichen der Stadt", gemeint waren Kirchen und die Ruinen einzelner bedeutender Häuser, als ewige Anklage erhebende Ruinen konservieren.