DIE ZEIT: Frau Pause, wir sitzen in einem Café in einer schleswig-holsteinischen Kleinstadt. Vor zehn Minuten haben wir uns kennengelernt und sitzen jetzt etwa einen Meter auseinander. Spielt Geruch für uns beide gerade irgendeine Rolle?

Bettina Pause: Aber natürlich, und zwar eine ganz entscheidende!

ZEIT: Nämlich?

Pause: Wir tauschen uns gerade über einen komplexen Molekülcocktail aus. Das ist schon bei nur zwei Menschen eine ziemlich wilde Kommunikation. Wir wissen etwa, dass das Alter einen Einfluss auf den Körpergeruch hat, aber auch, ob jemand dominant ist – Frauen bevorzugen dominante Männer. Außerdem kann ich unbewusst wahrnehmen, ob Sie gestresst sind, Angst haben oder aggressiv sind. Menschen können den Gesundheitsstatus des Gegenübers riechen, Fremde können anhand des Körpergeruchs zuordnen, wer zu einer Familie gehört.

ZEIT: Wieso das alles?

Pause: Weil es für uns extrem wichtig ist, soziale Informationen zu bekommen. Kennen Sie die Hypothese vom sozialen Gehirn?

ZEIT: Die besagt, dass sich unser Hirn deshalb zu solcher Größe entwickelt hat, weil wir in komplexen und dynamischen Gruppen leben?

Pause: Unsere Vorfahren hätten sich kaum gegen Raubtiere wehren und große Beute erlegen können, wenn sie nicht in flexiblen Gruppenverbänden zusammengearbeitet hätten. Und bis heute ist es für uns extrem wichtig, dass wir eine Ahnung davon haben, wer unser Freund ist und wer nicht. Wir wollen wissen, wer uns betrügt, wer etwas von uns will, aber nichts zurückgibt. Wer bloß nett zu uns ist, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Solche Fragen stellen wir uns ununterbrochen, und unser Geruchssinn hilft uns dabei, das zu durchschauen.

ZEIT: Ich dachte eigentlich, wir Menschen könnten eher schlecht riechen.

Pause: Dieses Gerücht hält sich leider hartnäckig, ebenso wie tausend andere über das Riechen. Aber es stimmt nicht! Seit Jahrzehnten gibt es vergleichende Untersuchungen mit Affen, Elefanten, Mäusen oder Ratten. Und jede solide Untersuchung kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Im Vergleich zu Tieren können Menschen Gerüche genauer unterscheiden – etwa eine Billion Düfte –, und sie nehmen diese auch schneller wahr.

ZEIT: Wir können besser riechen als Hunde?

Pause: Hunde schneiden noch ein kleines bisschen besser ab, aber nur bei zwei Substanzen, die für sie biologisch extrem bedeutsam sind. Menschen riechen besser oder zumindest genauso gut wie alle Tierarten, die man bisher untersucht hat.

ZEIT: Woran liegt das?

Pause: Der Geruchssinn hängt damit zusammen, wie Reize verarbeitet werden. Bei uns sind Nase und Gehirn viel feiner getunt als bei Tieren.

ZEIT: Wir brauchen unsere Nase doch eigentlich kaum, wenn wir uns durch den Alltag bewegen. Wozu dieser Aufwand?

Pause: Die Vorläufer der heutigen Säugetiere, die nicht größer waren als kleine Mäuse, kamen vor 200 Millionen Jahren auf. Sie teilten sich die Welt mit den Dinosauriern und mussten ihnen aus dem Weg gehen. Also wurden sie nachtaktiv, in der Dunkelheit mussten sie aber geruchlich gut kommunizieren können. Bis heute ist unsere Geruchsumwelt extrem komplex, es gibt praktisch unendlich viele Kombinationen von Geruchsmolekülen. Daran muss sich unser System anpassen.

ZEIT: Ist Geruch wirklich so wichtig? Ich würde lieber nicht riechen können als nicht sehen.

Pause: Oh nein – unsere Nase liest die Welt. Soll ich das Stück Fleisch ausspucken oder runterschlucken? Abhauen oder stehen bleiben? Der Impuls kommt intuitiv, das läuft alles unbewusst ab. Gerüche haben einen direkten Einfluss auf unsere Gefühle, und die sind nichts anderes als Auftaktgeber für bestimmtes Verhalten. Wenn ich fröhlich bin, nähere ich mich jemandem an, wenn ich ängstlich bin, bleibe ich auf Abstand. Wenn ich etwas eklig finde, will ich die Ursache loswerden. Geruch ist verhaltensrelevant. Er sagt uns automatisch, was gut ist oder schlecht.