Im Sommer 1948, in einer Waffenpause im israelischen Unabhängigkeitskrieg, entsandten die UN den Vermittler Folke Graf Bernadotte in die Region, damit der einen Frieden zwischen Israelis und Arabern aushandle. Die rechtsnationalen Lechi (die Gruppe "Kämpfer für die Freiheit Israels") beschlossen, den Gesandten umzubringen, um das Projekt im Keim zu ersticken. Bernadottes Entwurf sollte den Arabern Haifa, Jerusalem und weite Teile des Negev zuschlagen. Mit dem Vermittler, so das Mordkalkül, würde auch der Plan sterben.

Die Lechi bekämpften freilich nicht nur Araber, sondern auch die sozialdemokratische Regierung Ben-Gurion. Die hatte die Truppe gleich nach Kriegsbeginn im Mai 1948 aufgelöst; der harte Kern verschwand im Untergrund. Am 17. September wurde Bernadotte in Jerusalem auf offener Straße ermordet. Das Attentat der Lechi "erzürnte und beschämte die jüdische Führung zutiefst", notiert ein neuer, insgesamt israelkritischer Rückblick. Lechi-Anführer und etwa 200 Mitglieder wurden nach dem Attentat verhaftet.

Im fernen Deutschland schrieb die linksliberale Kommentatorin der ZEIT, Marion Gräfin Dönhoff, einen Leitartikel unter dem Titel "Völkischer Ordensstaat Israel", in dem sie die Lechi mit Adolf Hitler verglich. Man dürfe nicht "vergessen", dass die "jüdischen Terrororganisationen (...) gewissermaßen am offiziellen Staatsleben teilnehmen". Zu diesem Zeitpunkt hatte die Regierung die Lechi als "Terrororganisation" klassifiziert, die Verhaftungswelle lief. Der Kommentar schloss mit einer dunklen Warnung: Die "verantwortlichen Männer der Regierung" mögen erkennen, "wie weit sie auf jenem Weg bereits gelangt sind, der erst vor Kurzem ein anderes Volk ins Verhängnis geführt hat".

Es muss das erste Mal gewesen sein, dass kein "Unbelehrbarer", sondern eine geachtete Repräsentantin des neuen Deutschlands den Israelis Nazimethoden nachsagt. Derweil das offizielle Deutschland alsbald die Wiedergutmachung vorantrieb, großzügig die jüdischen Gemeinden alimentierte und stetig das Antisemitismus-Tabu stärkte, begann die veröffentlichte Meinung fast unmerklich zu kippen. Die Wasserscheide war der Sechstagekrieg von 1967, als die Israelis im Dreifrontenkrieg gegen Ägypten, Syrien und Jordanien siegten.

Schneller noch als Israels "Blitzkrieg", ein Wort aus der Nazizeit, das die unterschwellige Bewunderung für die einstigen Opfer transportierte, entfaltete sich der Stimmungswandel im linken Spektrum. 1969 sollte der israelische Botschafter Ascher Ben-Natan an der Universität Hamburg sprechen. Der Asta kündigte an: Dieser "Herrenmensch wird in Hamburg nicht reden". In Frankfurt sprach der SDS von der "Scheinlegitimierung eines Judenstaates". Israel sei ein "rassistischer Staat", mithin ein Wiedergänger des "Dritten Reiches".

"Nachtigall, ick hör dir trapsen", sagt der Berliner. Die 68er waren angetreten, die Elterngeneration als Nazis, Mitläufer oder Vergangenheitsverdränger zu entlarven, um sie zu diskreditieren, dann zu entmachten. Warum hat sich ihre Wut dann gegen Israel gekehrt, warum sind die Ultras in die Ausbildungslager palästinensischer Terrorgruppen gegangen? Hier lernten Mitglieder der linksterroristischen "Tupamaros West-Berlin", wie man die Bombe baute, die 1969 am Gedenktag für die "Kristallnacht" das jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße zerfetzen sollte (aber nicht zündete) – und zwar im Namen des "bewaffneten Kampfes" gegen den "Zionismus" und "US-Imperialismus". Warum haben zwei Mitglieder der "Roten Zellen" den palästinensischen Genossen geholfen, 1976 einen Airbus der Air France nach Entebbe (Uganda) zu entführen, wo die beiden jungen Deutschen die israelischen und jüdischen Passagiere "selektierten"?

Als amateurpsychologische Antwort drängt sich die Schuldabwehr durch Schuldübertragung auf. Plötzlich waren die sündigen Väter aus dem Spiel und die Israelis die "Herrenmenschen". Israel war kein Kind der Weltgemeinschaft, sondern ein "rassistischer Staat", der mit der Manipulation weltweiter Schuldgefühle den Palästinensern das Land geraubt habe. Es war nicht die Abrechnung mit der deutschen Geschichte, sondern die Flucht aus ihr – und zwar auf dem Rücken der Israelis.

Israel war aber nicht wegzukriegen. Es wuchs im Gegenteil zu einer regionalen Supermacht heran, die der Bundeswehr nicht nur wie am Anfang Low-Tech-Uzi-Maschinenpistolen, sondern später den neuesten Stand der Waffentechnik verkaufte. Der Jud’ blieb da – in Frankfurt wie in Tel Aviv, und er macht uns schuldig, weil er uns durch sein Da-Sein ständig an unsere Untaten erinnert, genauer: an die unserer Väter und Großväter, die uns die Schuld vererbt haben. Das Opfer von gestern muss zum Täter von heute umgedeutet werden, flüstert die Psyche.