Anfang August sah es so aus, als liefe am Hamburger Hauptbahnhof ein nervenaufreibendes Experiment. Als wollte man ein für alle Mal die Frage klären: Wie viele Menschen passen, wenn’s sein muss, auf einen Bahnsteig? Zeitweise drängelten sich etwa tausend Menschen dicht an dicht an den Gleisen. Wegen Überfüllung musste die Bahn irgendwann die Zugänge sperren lassen. Nichts ging mehr.

Das heftige Gedränge hatte seinen Grund: Weil wochenlang der S-Bahn-Verkehr nach Harburg unterbrochen war, quetschen sich viele Pendler in Nahverkehrszüge. Dass zeitgleich ein Gleis im Hauptbahnhof wegen Bauarbeiten ausfiel, machte die Platznot noch größer. Fahrgäste schimpften über die "Chaostage". Doch auch an normalen Tagen gibt es häufig Ärger. In Internetforen zum Hamburger Hauptbahnhof findet man Einträge wie diese: "Ich habe meinen IC manchmal nur deswegen bekommen, weil ich mich mit meinem Koffer die Treppe durch die Menschenmasse heruntergequetscht habe, ohne Rücksicht auf herumstehende Leute. Das gab zwar öfter lautstarke Beschwerden, wenn die Leute die Treppe herunterfallen, aber anders kommt man nicht zu seinem Zug." Darunter schrieb jemand: Er mache sich Sorgen, was passiere, wenn jemand in dieser Menschenmenge plötzlich "Bombe" riefe. "Dann entsteht doch eine Massenpanik, und es gibt mindestens Verletzte, wenn nicht Tote."

Mit etwa 550.000 Besuchern am Tag ist Hamburgs Hauptbahnhof der meistfrequentierte in Deutschland, und selbst europaweit ist nur am Pariser Gare du Nord mehr los. Dabei operiert der 112 Jahre alte Hamburger Bahnhof längst am Rande seiner Kapazitäten. Bereits 2009 warnte eine Studie des Bundes vor "Engpässen". Im Jahr darauf stufte die Bahn ihn als "voraussichtlich in naher Zukunft überlastet" ein. Das bezog sich auf die Dichte des Schienenverkehrs, doch auch beim Bahnhofsgebäude war klar: Es muss erweitert werden. Seither wird darum gerungen, wie und wie schnell das geschehen kann. Mit jedem Jahr, das verstrichen ist, wurde eine Frage immer lauter: Warum geht der Ausbau nicht endlich los? Zumal Hamburgs Bevölkerung wächst, seit 2010 um mehr als 120.000 Einwohner.

Mit steigender Zahl von Berichten über den "Nerv-Bahnhof" (Mopo) sank bei vielen die Geduld. "Hauptbahnhof 2017 schon größer?", titelte Anfang 2016 das Abendblatt. Immer wieder entstand der Eindruck, bald sei Baubeginn und schon in wenigen Jahren habe Hamburg einen größeren Hauptbahnhof. ZEIT-Recherchen bei Politikern und Behörden, bei Fachleuten und Managern der Deutschen Bahn ergeben jedoch ein anderes Bild. Demnach wird Hamburg noch lange mit einem überlasteten – und auch relativ maroden – Hauptbahnhof leben müssen. Zwar sind die Umgestaltungspläne der Bahn und der Stadt schon einigermaßen weit gediehen. Bis zur Neueröffnung wird es aber vermutlich noch Jahre dauern: Von 2030 ist nun die Rede. Und selbst das könnte sich als zu optimistisch erweisen.

Der Bahnknoten

Die Überlastung des Hauptbahnhofs zeigt sich nicht nur daran, dass er zu klein ist für seine große Besucherzahl. Auch bei den Schienen sind die Kapazitäten ausgereizt. Mit 800 Fern- und Nahverkehrszügen pro Tag (neben 1200 S-Bahnen) fährt die Bahn schon länger am Limit. So sehr, dass regelmäßig Gleise doppelt belegt sind und zwei Regionalbahnen hintereinander halten. Die Zahl der Gleise zu erhöhen ist nicht möglich. Denn an seiner Längsseite stößt der Bahnhof an Grenzen: Hinter Gleis 14 ist es eine Bunkeranlage, auf der anderen Seite sind es S- und U-Bahn-Tunnel.

Doch für das Schienenproblem bahnt sich eine Lösung an. Es ist die geplante neue S-Bahn-Linie S4 von Hamburg nach Bad Oldesloe. Dadurch wird künftig ein Teil des dichten Verkehrs, der heute durch die Bahnhofshalle fährt, unter die Erde verlegt, in den S-Bahn-Tunnel. So wird man oben auf den Gleisen 5 bis 8 pro Tag etwa 100 Regionalbahnen samt Fahrgästen weniger haben, dadurch werden Schienenkapazitäten frei. Die geplante S4 werde den Hauptbahnhof "nachhaltig entlasten", heißt es bei der Bahn. Das Problem dabei: Erst im Jahr 2028 soll die neue S-Bahn-Strecke fertig sein. Und noch ist nicht mal die Finanzierung geklärt.

Der Bahnhofsmanager

Jeder Tag am Hauptbahnhof hat einige Stunden, die Michael Dominidiato mehr Kopfzerbrechen bereiten als andere. Dazu zählen vor allem die "HVZ", die Hauptverkehrszeiten von sechs bis neun Uhr und von 16 bis 19 Uhr. Dann herrscht Sturm und Drang im Bahnhof. Dann ist es stellenweise so voll, dass man meinen könnte, es gebe dort etwas umsonst. "Wir schauen: Wo entstehen Engpässe, und wie kriegen wir sie weg?", sagt Dominidiato. "Und glauben Sie mir: Es ist gar nicht so einfach, Menschen auf dem Bahnsteig umzulenken."

Ankunft in zwölf Jahren

© ZEIT-Grafik

Der 54-Jährige ist seit 2014 der Manager des Hauptbahnhofs. An einem Vormittag steht er in der Schienenhalle am Geländer des Südstegs. Er blickt auf die Gleise 13 und 14. Gewöhnlich sei das der Bahnsteig mit dem größten Andrang, sagt er. "Wir achten ständig darauf, ob eine Überfüllung droht." Er zeigt auf einen einfahrenden Metronom-Zug. "Schauen Sie, was passiert, wenn der gleich die Reisenden ausschüttet." Sekunden später stauen die sich am Aufgang zum Südsteg. Und Reisende, die zeitgleich nach unten wollen, kommen kaum durch.

Dominidiatos Job ist es, den Bahnhof selbst dann am Laufen zu halten, wenn er am Rande des Kollapses operiert. "Wir können nicht erst auf die große Lösung, den Ausbau, warten." Er und seine Leute versuchen, noch besser mit den Menschenströmen fertigzuwerden. Sie haben zum Beispiel Barrieren aus dem Weg geräumt, auf manchen Bahnsteigen Snackautomaten, Sitzbänke und Werbetafeln entfernt, Papierkörbe in Säulen verbaut, sie haben auch Ticketautomaten, die früher in den Südsteg ragten, nach hinten versetzt. Sein Prinzip, sagt Dominidiato, laute: "Personenstrom first!"