In einem einwöchigen Intensivkurs lernen linke Aktivistinnen, politische Kampagnen zu führen. Eine von ihnen ist Anna Rosenwasser. Sie lobbyiert für lesbische Frauen.

Anna Rosenwasser spricht gern über die Liebe. Sie hat das zu ihrem Beruf gemacht. Es ist ein Mittwochabend im August. Rosenwasser eilt, ihr Zug hatte Verspätung, auf eine Gruppe junger Frauen am Bahnhof Luzern zu, sie umarmt alle und sagt: "Hoi Büsis, es tut mir leid, danke, dass ihr gewartet habt."

Rosenwasser, 28, Millimeterschnitt, bisexuell, ist seit einem Jahr Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS). Sie hat in dieser Zeit erfolgreich einen Instagram-Kanal eröffnet, ein homophobes Rap-Konzert verhindert und über hundert neue Mitglieder für ihren Verein gewonnen. Die Aktivistin gibt Interviews, vernetzt Frauen und spricht unablässig und offen über ihre Anliegen und Wünsche. So hat sie einer angejahrten NGO zu neuer Popularität verholfen.

Die LOS tritt für "die Gleichstellung lesbischer Lebensweisen in der Gesellschaft und damit gegen jede Form von Diskriminierung" ein. Rosenwasser sagt: "Mein Ziel ist, dass Queers glücklich sein können." Dass sie sich irgendwann nur noch aus Spaß treffen würden und nicht mehr, weil sie noch nicht gleichberechtigt seien.

Wenn ich eine Pause brauche, schalte ich mein Handy auf Flugmodus.
Anna Rosenwasser

Heute Abend ist Rosenwasser nach Luzern gekommen, um Teenagerinnen offline zusammenzubringen, die sich bisher nur online aus einem Chat kennen. Seit sie die Geschäftsführung der LOS übernommen habe, hätten sie viele ganz junge homo- und bisexuelle Frauen kontaktiert, die sich mit ihrer Situation allein fühlen würden, sagt Rosenwasser. "Eine Community aus Jugendlichen zu bilden gehört eigentlich nicht zu meinen Aufgaben." Aber es gebe eben ein großes Bedürfnis danach.

Deshalb begleitet Rosenwasser die Gruppe nun zum Jugendkulturzentrum Treibhaus, zu einem Treffen der Milchjugend, das ist eine Organisation für lesbische, schwule, transgender, bi- und asexuelle Jugendliche, in der Rosenwasser selbst mehrere Jahre aktiv war. "Dort", sagt sie, "habe ich gemerkt, dass Politik nicht nur rational, sondern auch emotional funktioniert." Und das sei gut so.

Mit dabei ist heute Abend auch ihre Freundin Florina, die mit ihr die Treffen organisiert. Anna Rosenwasser arbeitet immer und nie. Sie hat bei der LOS ein 60-Prozent-Pensum, davon könne sie leben, das zähle für sie. "Wenn ich eine Pause brauche, schalte ich mein Handy auf Flugmodus."

Wer einen Eindruck ihrer Lebenswelt bekommen will, kann stundenlang durch Rosenwassers Facebook-Seite scrollen. Dort postet sie permanent Erfahrungen, Erlebnisse, Ansagen, Fragen und Veranstaltungen.