Es war ein schlampiger Tag. Dies ist eine einfache Geschichte." So beginnt eine höchst verzwickte Geschichte, die sorgfältig komponiert ist und von jeder Schlampigkeit denkbar weit entfernt. Zwar dauert es eine Weile, bis man die Spuren zu einem konsistenten Plot zusammenhat, aber dann staunt man nicht schlecht über das hintergründige Kalkül der Romankonstruktion. In ihren ersten beiden Romanen hat sich Verena Roßbacher in ausuferndes narratives Getümmel gestürzt, um mit immer neuen lustigen und tragischen Fundstücken zurückzukommen und lauthals "Huiii" zu rufen; in Verlangen nach Drachen, ihrem Wien-Roman, und in Schwätzen und Schlachten, der im heutigen Berlin spielt. Nun sind wir in Voralberg und Zürich und werden Zeugen eines erst abstrusen, dann zunehmend wahrscheinlicheren Geschehens.

In der ersten Hälfte des Romans steht alles einigermaßen unverbunden herum, dann zieht ein zweifelhafter, schwacher, halb weggetretener Erzähler alle Elemente nach und nach zu einem komplizierten Muster zusammen. Man könnte die Handlung als intellektuelle Räuberpistole bezeichnen, sie nachzuerzählen wäre aber nervtötend wegen Überkomplexität. Es geht kurz gesagt um klassisch detektivische Fragen wie: Wer hat wann mit wem geschlafen? Wer hat wen gezeugt? Wer ist der Sohn von wem (pater semper incertus!)? Wie wurde das verheimlicht, und wie wird es wieder offenbart? Wer lügt, und wer irrt sich nur? Wer zerstört wen und warum? Warum bringen sich zwei zentrale Figuren um? Welche Zeichen und Symbole sind verlässlich (keine!)? Welche Rolle spielt dabei der immer so demütig tuende Erzähler, unsere Informationsquelle Nummer eins?

Der schwache Held des Romans ist der Ich-Erzähler Christian Kauffmann. Der Ich-schwache vorarlbergische Gymnasiast versteht die Welt nicht mehr und sich schon gar nicht. Gleichwohl macht er eine Butler-Ausbildung in Holland und tritt eine Stelle bei Familie Hobbs in Zürich an. Feine, eher neureiche Leute: die schöne Frau Hobbs, kultiviert und locker, ihr steifer Banker-Ehemann Jean-Pierre und dessen kunstbohemehafter Zwillingsbruder Gerome, dazu zwei kleine Kinder. Bourgeoisie light, wie gemalt. Und je mehr der Schein trügt, umso besser für die arme Seele des Dieners. Er selbst arrangiert die Familienaufstellung für Fotos aufs Köstlichste, verstärkt den Trug und bildet sich selbst um zum Teil der Inszenierung. Bis hin zu Ausstellungsbesuchen und Opern-Abo. Und er legt sofort seinen Vornamen ab, aus Christian wird Robert, und der beschreibt uns, was er sieht, vorzugsweise mit den Worten anderer. Er zitiert, um reiner Geschmacksverstärker zu werden, bevorzugt seine Freunde, die so viel schönere Worte für das kastanienrot wallende Haar der schönen Frau Hobbs finden als er; er sucht Buchzitate und förmliche Redewendungen; er zitiert aus Regelwerken für Haushaltsführung.

So durchmisst er ein Universum, dessen Abgründigkeit umgekehrt proportional zu seiner Selbsteinschätzung wächst. Diese Spannung wird bald so stark, dass man sich fragt, ob es den Diener Robert eigentlich anders als in der Stimmenimitation anderer Sprecher gibt? Wenn nicht, wer erzählt dann die Geschichte von Betrug, Verwechslung, Selbstmord? Es ist ein Sehnen nach Täuschung, Spiel und Spannung und intellektueller Trickserei. Die alte Freundin Rosl Fraxner ist eine Art Zentralassistentin des schwachen Erzähler-Ichs. Sie breitet Fotomaterial aus, das alle Figuren und Räume des Romans miteinander verbindet. Der Roman wird zu einer Scheibe pastellfarben gerahmter Kunstbildchen vom Leben in der Provinz und auf Erden. Ein bisschen Kirmes, ein bisschen Grausamkeit, ein bisschen Weisheit. Verena Roßbacher erzählt so verschwenderisch mit schmückenden Wörtern und Verkleidungen, dass es meist eine Lust ist. Nur manchmal, wenn sie das "reale" Geschehen, das Schlampige des Zufalls und der Wirklichkeit, also: das Ereignis, immer weiter künstlich herauszögern will, kann es etwas zäh werden: Wir wissen schon, was enthüllt werden wird, aber sie will es partout nicht sagen, mit allen Mitteln des schönen Aufschubs, mit noch einer Wendung der Dinge mehr, mit noch einer Schleife. Man macht es trotzdem gerne mit, dieses kunstvolle Retardieren, langsame Wandeln in künstlichen Paradiesen, die sich aus sich selbst generieren. Ein Glasperlenspiel, aber in üppigster Ausstattung.

Verena Roßbacher: Ich war Diener im Hause Hobbs
Roman; Kiepenheuer & Witsch 2018; 384 S., 22,– €