Wenn Ille Gebeshuber über die Flügel eines Schmetterlings spricht, kommt sie ins Schwärmen. Diese Farbenspiele, die Nanostrukturen, die Fähigkeit, die Temperatur des Flügels so zu regulieren, dass es nie zu kalt oder zu heiß ist, "da steckt Wissen drin, das wir vielleicht erst in hundert Jahren oder nie erforschen werden", sagt Gebeshuber und lächelt verschmitzt. Fast ein wenig verträumt blickt sie zur Decke und erzählt, wie sie die Schönheit der Natur anzieht und wie sie verstehen möchte, was in Pflanzen, Tieren und Steinen passiert. Bionik nennt sich die Disziplin, die versucht, Phänomene der Natur in die Technik zu übertragen.

Ille Gebeshuber ist eine der Besten ihres Fachs. Die 49-jährige Physikerin sitzt im Direktorium der International Society of Bionic Engineering mit Sitz in China, lehrte in Kalifornien an der University of Santa Barbara und war Professorin an der Nationalen Universität Malaysia. In den sieben Jahren, die sie in Asien lebte, entdeckte sie ihre Liebe zum Dschungel. Dort lasse sich am meisten über die Natur lernen, sagt sie. Mit Studenten streunte sie durch den Urwald und suchte nach neuen Erkenntnissen. "Da ist alles einfach wunderschön", sagt sie.

Seit zwei Jahren ist Gebeshuber zurück an der TU-Wien, wo sie einst studierte. Ihr schmales Büro ist wie eine Wunderkammer. Vollgeräumt mit versteinerten Muscheln, Wurzeln unter dem Schreibtisch, Pülverchen in kleinen Röhrchen, die alle glitzern, und einem Terrarium. Darin will sie afrikanische Achatschnecken schlüpfen lassen. Bis es so weit ist, macht sie Versuche mit Mehlwürmern. Denn die fressen den Kunststoff Polystyrol, aus dem etwa tragbare Kaffeebecher hergestellt werden, die nur schwer abbaubar sind. Mehlwürmer zersetzen das Material aber, in CO₂ und Kot. Leicht abbaubar also. "Ein Bachelorstudent kümmert sich nun darum, um zu schauen, was da rauskommt", sagt Gebeshuber und zuckt mit den Schultern.

Bionik gab es schon immer. Leonardo da Vinci wollte den Vogelflug nachahmen – und scheiterte. Die Oberfläche der Lotuspflanze, an der Wasser in Tropfen abperlt und die dadurch sauber bleibt, mündete in die Technik für selbstreinigende Oberflächen. Und die Winglets bei Flugzeugen sind von segelnden Vögeln inspiriert.

Die Natur zu beobachten ist eine lebenslange Passion von Gebeshuber. Geboren wird sie 1969 und wächst mit einem jüngeren Bruder in Kindberg in der Steiermark auf. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater Lagerleiter bei der Voestalpine. Mit sechs Monaten wird Gebeshuber an der Hüfte operiert, bis sie fünf Jahre alt ist, darf sie nur krabbeln. "Ich bin meistens auf der Terrasse gelegen", erzählt sie. Diese Immobilität habe die Liebe zu Steinen, Pflanzen und Tieren begründet. "Ich habe in der Zeit eine tiefe Ehrfurcht vor allem bekommen, was lebt. Auch wegen der Krankenhausaufenthalte. Ich hatte immer Schwierigkeiten mit wechselnden Bezugspersonen, aber der Baum, der steht immer vor der Tür und ist schön."

Gleichzeitig habe sie in diesen Jahren ein ordentliches Selbstbewusstsein erworben. Die Mutter schiebt das immer größer werdende Mädchen im Kinderwagen herum. "Die Leute haben dann reingeschaut und sagten: Armes Kind, armes Kind. Ich habe immer rausgeschimpft. Das hat zu einer gewissen Schlagfertigkeit geführt. Und vielleicht bin ich auch deswegen so gescheit geworden."

Nach der Matura geht sie nach Wien, studiert Physik und springt von einem Thema zum nächsten. Ihre Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Funktionsweise des menschlichen Innenohrs, später wendet sie sich Ionen zu, dann Kieselalgen. Alles Forschungsgebiete, die nichts miteinander zu tun haben. "Es war wie ein Geschenk des Himmels, dass dann die Nanotechnologie hip wurde", erzählt sie. Mit neuen Mikroskopen war es Ende der neunziger Jahre möglich, die kleinsten Strukturen nicht nur anzusehen, sondern auch zu manipulieren. "Unter dieses Dach passte meine gesamte bisherige Forschung, und ich konnte mich dazu habilitieren."

Damals beginnt sie, als Forscherin ihren Vornamen Ilse durch Ille zu ersetzen. "Das klingt geschlechtsneutral, jeder dachte automatisch, ich sei ein Mann. So konnte ich einfacher publizieren", sagt sie und lacht. "Zumindest habe ich mir das eingebildet. Geschadet hat es jedenfalls nicht."

Die Karriere der jungen Physikerin verläuft steil nach oben. Sie geht nach Santa Barbara, hat dort Aussicht auf eine Professur, kehrt der amerikanischen Westküste nach einem halben Jahr aber wieder den Rücken. "Kalifornien hat mir nicht gutgetan", sagt sie. "Die egoistische Ellenbogengesellschaft, die dort herrscht, die habe ich nicht ausgehalten, andererseits habe ich begonnen, selbst so zu werden. Ein Freund hat mir das erzählt. Ich war geschockt und ging zurück."

Als ihr Mann beruflich nach Malaysia zieht, folgt sie ihm und wird Professorin in Kuala Lumpur.

Wenn Gebeshuber begeistert spricht, kommt immer wieder der steirische Dialekt durch. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, wie sie die Forschungen Alexander von Humboldts faszinieren, wie sie in Höhlen hinabsteigt und sich durch dichten Dschungel gekämpft hat.