Ein verkehrsberuhigtes Siedlungsidyll in Norddeutschland, mit Eltern, die alles besser machen wollten, und Kindern, die sich trotzdem allein fühlen, ein Wohndesign für unerwartet ausbleibendes Glück, Keith Jarretts Köln Concert als Soundtrack ... Man kennt die Szenerie aus Alexa Hennig von Langes Büchern. Für ihren neuen Roman kehrt die Autorin erneut in diese (ihre eigene) Kindheitswelt der Achtzigerjahre zurück. Sie tut dies offenkundig nicht, um eine Coming-of-Age-Geschichte fortzuspinnen wie in ihren Jugendbüchern oder um das Erbe der 68er-Libertinage zu erledigen wie in Peace. In Kampfsterne kreisen alle Figuren einsam und abwehrbereit auf ihren Bahnen. Bis sie schließlich kollidieren.

Die Handlung wird von wechselnden Icherzählern präsentiert. Da sind zunächst die Eltern: Rita, die sich für eine Feministin hält, verachtet ihren Mann, dressiert ihre Kinder und ist heimlich verliebt in die Nachbarin Ulla. Die wiederum lässt sich vom Macho-Ehemann Prügel gefallen und heult sich bei ihren Töchtern aus. Schließlich Ella, deren Angetrauter was mit der Sekretärin angefangen hat. Verwunderlich ist es also nicht, dass der Nachwuchs mit seinen Bedürfnissen allzu oft unberücksichtigt bleibt. Schlimmer noch: Vor allem die unglückliche Rita behandelt die Kinder – die eigenen wie die der anderen – wechselweise als Statussymbole, Konkurrenten oder Bremsklötze ihrer Selbstverwirklichung.

Kampfsterne betreibt so etwas wie die Perspektivumkehr der Teeniehymnen Relax und Ich bin’s, die die Autorin einst zum It-Girl der Popliteratur machten. Allerdings gewinnen auch diesmal die Innensichten des Nachwuchses die Oberhand: Die wunderschöne Cotsch, die sich selbstbewusst durch die Siedlung vögelt, der romantische Nerd Johannes, der angepasste Joschi, Ritas Dressuropfer Klara und mittendrin die rothaarige, überaus niedliche Alexa, genannt Lexchen – ihre Gedanken und Gefühle sind das, was haften bleibt. Was natürlich daran liegt, dass die Unschuld der Jugend sympathischere innere Monologe hergibt als der holzschnittartigere Psychoschrott der Eltern. Immerhin, einmal denkt Rita: "Ulla und ich sind Kriegskinder. Im Krieg geboren. Wir kennen nichts anderes als Krieg. Abwehr. Schutz. Rückzug. Verrat. Woher sollen wir wissen, was richtig ist?"

Dieser Ansatz von Psychohistorie versandet, und es ist die Oma (also eine Frau mit realer Kriegserinnerung), die für ein halbwegs gutes Ende sorgen muss. Das ist das Problem dieses im bekannten Hennig-von-Lange-Sound aus Slang und Sentiment geschriebenen Buchs. Die unterdessen 45-jährige Autorin kommt nicht den Prägungen der Kriegskinder auf die Spur, sondern gefällt sich weiterhin als Generation-Golf-Versteherin.

Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne
Roman; Dumont Verlag, Köln 2018; 224 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €