DIE ZEIT: Herr McKibben, wie legen Sie Ihr Geld an?

Bill McKibben: Da gibt es nicht so viel zum Anlegen. (lacht) Aber wenn, dann investiere ich es in Fonds, in denen keine Aktien von fossilen Unternehmen stecken, also von Kohle-, Öl- oder Gaskonzernen.

ZEIT: Sie versuchen, alle Menschen davon zu überzeugen, ihr Geld genauso anzulegen. Demnächst, am 8. September, wird es einen weltweiten Aktionstag geben, "Rise for Climate". Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?

McKibben: Ich habe vor 30 Jahren ein Buch über das Ende der Natur geschrieben, seitdem beschäftige ich mich damit. Aber ich hatte mich nie hingesetzt und nachgerechnet, wie viel Energiereserven, wie viel Kohle, Öl und Gas noch unter der Erde zu finden sind. Vor sieben Jahren hat dann eine kleine Gruppe, die Carbon Tracker Initiative, genau das zusammengetragen. Und sie hat erforscht, wie viel die großen Energiekonzerne davon noch verbrennen wollen, welche Fördermengen sie den Banken und ihren Aktienbesitzern bereits versprochen haben. Insgesamt kam fünfmal so viel CO₂ zusammen, wie die Atmosphäre verkraftet – wenn die Durchschnittstemperatur nicht mehr als zwei Prozent steigen soll. Da wurde mir schlagartig klar, dass das verbrecherische Unternehmen sind.

ZEIT: Das ist ein hartes Wort.

McKibben: Ja, aber wenn diese Pläne verwirklicht werden, dann ist alles vorbei. 80 Prozent des Öls, der Kohle und des Gases, die noch unter der Erde ruhen, müssen dort bleiben. Sonst werden wir den Planeten ruinieren. Deswegen habe ich mit anderen die Divestment-Bewegung gegründet. Sie greift eine Idee der Anti-Apartheid-Bewegung auf.

Bill McKibben gründete die Klimaschutzorganisation 350.org © Andreas Chudowski für DIE ZEIT

ZEIT: Die Anti-Apartheid-Bewegung hat einst Unternehmen boykottiert, die in Südafrika Geschäfte machten. Das wiederum hat dazu beigetragen, dass die weiße Regierung Südafrikas schließlich die Macht abgegeben und Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen hat.

McKibben: Ja, das war sehr erfolgreich, und deswegen haben wir beschlossen, die gleiche Taktik auch bei Energiefirmen anzuwenden. Beim Divestment mitzumachen ist einfach. Die meisten Leute wohnen ja nicht neben einer Kohlegrube. Es läuft auch keine Pipeline durch ihren Garten. Aber sie alle sind mit den Geldtöpfen verbunden, die oft in solche Unternehmen investiert werden: durch ihre private Altersvorsorge, durch das Geld, das ihre Kirche anlegt oder die Universität. Kürzlich erst hat die Uni Göttingen beschlossen, ihr Vermögen in Höhe von 190 Millionen Euro aus den fossilen Unternehmen abzuziehen. Das ist doch toll.

ZEIT: Wie viel Geld haben Sie schon bewegt?

McKibben: Inzwischen sind sieben Billionen Dollar abgezogen worden. Wir sind die größte Kampagne dieser Art, die es zurzeit weltweit gibt, und das hat Folgen. Der Wert vieler Energiekonzerne sinkt. Aber das ist nicht einmal das Wichtigste. Auch ihre soziale Akzeptanz schwindet. Weil Unis oder Kirchen durch ihre veränderte Anlagestrategie indirekt sagen: Wir wollen nichts mehr mit euch zu tun haben, weil ihr über eine zerstörerische Macht verfügt. Das reduziert dann langsam auch den politischen Einfluss. Der ist immer noch groß, schließlich ist es die reichste und mächtigste Industrie der Welt.

ZEIT: Wer hat sich Ihrer Bewegung konkret angeschlossen?

McKibben: Ende vergangenen Jahres hat der norwegische Staatsfonds beschlossen, sein Geld abzuziehen und anders anzulegen. Die Stadt New York ist dabei. Munich Re steigt aus der Kohle aus, die Allianz versichert keine Kohlefirmen mehr. Die Hälfte der britischen und viele amerikanische Universitäten unterstützen uns. Ganz früh hat sich übrigens die Rockefeller-Stiftung unserer Bewegung angeschlossen und eine Milliarde Dollar verlagert. Das war ein wirkliches Signal, denn deren Geld stammt ja ursprünglich aus dem ersten großen Ölkonzern des Planeten. Wichtig war auch die Unterstützung von Erzbischof Tutu, der damals Nelson Mandela beim Kampf gegen die Apartheid geholfen hat und nun sagt, dass der Kampf gegen den Klimawandel ein Kampf für Menschenrechte ist. Alle, die ihr Geld früh aus den alten Energiekonzernen abgezogen haben, konnten sich übrigens freuen. Denn diese Konzerne haben in den vergangenen sechs oder sieben Jahren ziemlich schlechte Geschäfte gemacht. Es ist eine sterbende Industrie ohne Zukunft, deren Konkurrent – die erneuerbaren Energien – immer besser und billiger wird.

ZEIT: Wenn das so ist, dann braucht es doch Ihre Boykott-Bewegung gar nicht.

McKibben: Wenn wir noch 75 Jahre Zeit hätten, dann würde das stimmen. Klar könnte die Welt dann ihren Energiebedarf durch Sonnen- und Windenergie decken, nur ist die Welt dann nicht mehr lebenswert – wenn wir uns nicht beeilen. Diese Branche muss, wie einst die Zigarettenindustrie, ihr gutes Image verlieren. Alle müssen begreifen, dass da ein schlechtes, gefährliches Produkt verkauft wird.

ZEIT: Die Tabakindustrie hat vielleicht bei uns einen schlechten Ruf, macht aber weiter glänzende Geschäfte in armen Ländern.

McKibben: Das erinnert daran, dass der Kampf gegen den Klimawandel und seine Verursacher nicht nur in einem Land gewonnen werden muss.

"Eine Kohlegrube ist für einen Politiker wichtig"

ZEIT: Dafür fliegen Sie um die Welt – und verursachen selbst jede Menge CO₂-Emissionen?

McKibben: Stimmt. Ich kompensiere zwar meine Flüge. Aber besser wäre es sicher, nicht zu fliegen. Aber wir haben nur Erfolg, wenn wir eine wirkliche globale Bewegung aufbauen und dafür müssen wir uns hin und wieder persönlich treffen. Wir sind heute, außer in Nordkorea, in jedem Land vertreten, oft mit ehrenamtlichen Helfern.

ZEIT: Hätten Sie nicht viel mehr Erfolg, wenn Sie energischer versuchen würden, die Regierungen überall von der Notwendigkeit der Energiewende zu überzeugen – statt die Aktienbesitzer?

McKibben: Ich behaupte ja nicht, dass unsere Divestment-Bewegung der einzige Weg ist. Sicher gibt es Länder, in denen andere Strategien erfolgreicher sind. Aber gucken Sie in Ihr eigenes Land und auf seine Energiewende. Obwohl Sie seit 20 Jahren daran arbeiten, verfeuern Sie in Deutschland weiter Kohle. Natürlich wäre es toll, wenn da politisch mehr passieren würde. Aber vielleicht geht das ja künftig besser, wenn wir durch unsere Bewegung die ökonomische Macht der Kohlekonzerne schwächen. Es ist im Übrigen heute leichter für uns, Investoren zu überzeugen als Regierungen.

ZEIT: Warum das?

McKibben: Politiker kümmern sich um die, die in der Vergangenheit Geld verdient haben. Die haben schließlich Jobs geschaffen, können sich Lobbyisten leisten und kennen die richtige Leute. Eine Kohlegrube ist für einen Politiker wichtig. Einem Investor ist sie erst mal völlig egal. Der will nur wissen, ob sie in Zukunft noch Geld macht. Und das wird eben oft nicht mehr so sein – im Gegensatz zu den erneuerbaren Energien. Da ist künftig Rendite zu erwarten.

ZEIT: Wenn die Regierungen weltweit dem deutschen Beispiel folgen und weiter zur Kohleindustrie halten, kann die noch eine Weile weiterarbeiten.

McKibben: Klar. Gucken Sie nur in die USA. Da ist Präsident Trump ein Gefangener der Öl- und Gasindustrie. Die Trumps dieser Welt lieben diese Industrie. Ich behaupte ja auch nicht, dass wir den politischen Kampf gegen den Klimawandel bereits gewonnen haben. Wir verlieren ihn immer noch, die Temperaturen steigen. Aber es gibt zwei Hoffnungsträger: die vielen Menschen, die sich engagieren und die wir weltweit immer wieder auf die Straße bringen können. Und das, was die Ingenieure geschafft haben: die rasant fallenden Kosten der erneuerbaren Energien.

ZEIT: In Deutschland gilt Sonnen- und Windenergie trotzdem als sehr teuer.

McKibben: Sie waren einst teuer, und Sie zahlen heute immer noch die Entwicklungskosten der 1990er-Jahre ab. Aber wenn die Deutschen damals nicht bereit gewesen wären, teure Solarpanels zu kaufen, dann gäbe es heute auch keine billigen. Sie haben die Sachen möglich gemacht. Und die Welt sollte Deutschland dafür sehr, sehr dankbar sein. Ich jedenfalls bin es. Es ist schon ironisch und zugleich wunderbar: Das Land, das im 20. Jahrhundert der Welt so überproportional viele Probleme gemacht hat, hat im 21. Jahrhundert überproportional viele Lösungen gefunden.

ZEIT: Wie blicken Sie heute auf Deutschland?

McKibben: Irgendwie scheint die Energiewende hierzulande ein wenig stecken geblieben zu sein. Aber wenn ich auf die Umfragen schaue, dann halten die meisten Bürger den Klimawandel weiter für ein großes Problem. Daher hoffe ich sehr, dass Deutschland auch künftig eine Führungsrolle übernehmen wird.