Ich erinnere mich an einen warmen Frühlingstag vor 20 Jahren. Mit ein paar Freunden saß ich auf einer Bank im Hof des Klosters Himmerod, mehr als 800 Jahre Geschichte umgaben uns an diesem scheinbar unvergänglichen Ort. Und dass wir gerade die letzten Jahrzehnte dieses alten Zisterzienserklosters in der Eifel erlebten, das ahnten wir nicht.

Wir waren zu Gast im Kloster, Hausbesetzer auf Erholungsurlaub, und es scheint, dass die Mönche für uns junge Rebellen etwas übrig hatten. Einer von ihnen kam zu uns und erzählte, wie er gerade einen anderen Gast losgeworden war – durch den Hinweis nämlich, dass auch wir, die Hausbesetzer, Gäste des Klosters seien. Ich weiß noch, dass der Mönch den überstürzten Aufbruch jenes Besuchers, der sich unter diesen Umständen gegen die Gastfreundschaft des Klosters entschied, so komisch fand, dass er seine Brille abnahm, um sich die Lachtränen aus den Augen zu wischen.

So bin ich Gast, regelmäßige Besucherin, Unterstützerin dieser Klostergemeinschaft geworden. Und so habe ich auch den Anfang vom Ende erlebt. Ich war dabei, als Männer in schwarzen Anzügen über den Klosterhof schritten, sie waren gekommen, um über die finanziellen Perspektiven der Gemeinschaft zu beraten. Zehn Jahre ist das her, und das Ergebnis war eine Gnadenfrist. Später habe ich mich selbst auf den Markt gestellt, um etwas Geld für das Kloster aufzutreiben, mit Popcorn, das niemand wollte, und mit Heißluftballons, die an diesem 40 Grad heißen Sommertag nicht fliegen wollten. Hilflose Hilfsversuche, die mir eine Ahnung von der Aussichtslosigkeit unserer Sehnsucht vermittelten.

Wenn ein Kloster aufgelöst wird, verlieren nicht nur die Mönche ihre Heimat, sondern auch die regelmäßigen Besucher, die Freunde der Klostergemeinschaft. Leute wie ich.

Im Kloster Himmerod bin ich Schriftstellerin geworden, oder jedenfalls unternahm ich dort meine ersten Schreibversuche. Es war in der Klosterkapelle, dass ich ein Gedicht über den Tod von Rio Reiser schrieb, dem Sänger der Politrockband Ton Steine Scherben. Ein Widerspruch? Für mich passte es.

Himmerod, das waren kommunistische Christen und emanzipierte katholische Frauen und aufrechte Konservative, die Marx zitieren und zerlegen konnten. Sie alle haben nun einen Ort verloren, der für sie jedenfalls zeitweise ein Zuhause war.

Was war das für ein Ort? Die Geschichte des Klosters kann man nachlesen, die Gründung im 12. Jahrhundert, Wachstum und Blüte einer Gemeinschaft mit mehr als 200 Mönchen und Laienbrüdern, der neuzeitliche Neubau der Kirche, nun schon im 18. Jahrhundert und unmittelbar danach der Verfall: die Aufhebung des Klosters unter Napoleon, Versteigerung, Plünderung und Verfall. Und die Neugründung vor nicht einmal hundert Jahren, die neue Kirche, die kaum mehr als 50 Jahre alt ist und nun schon keinem Kloster mehr dient. Gebaute Vergeblichkeit.

Aber wie es sich anfühlte, dieses Kloster, das steht in keinem Geschichtsbuch. Im Winter ist die Eifel einsam und bitterkalt. Nach einem Feiertag fuhren alle Gäste nach Hause, nur ich, das Stadtkind, wollte bleiben. Gerade einmal zwei Stunden war ich da, als ich an meinem Vorhaben zu zweifeln begann. Als es dunkel wurde, knarrte es überall fürchterlich und meine Kerze warf unheimliche Schatten. Um Menschen zu sehen, ging ich ab mittags zu allen Gebetszeiten. Das hielt ich drei Tage aus. Dann kam ein Gast, Gott sei Dank.

Für mich waren die Gäste Teil der Klostergemeinschaft. Anfangs habe ich nicht einmal überblickt, wer im Kloster zu Gast war und wer dort arbeitete. Ich erinnere mich an den Besuch eines CDU-Stammtischs, ältere Herren, die spät in der Nacht unbedingt beweisen wollten, dass sie die "Internationale" singen konnten. Sie haben die Mönche aufgeweckt, nachts um drei, aber die nahmen es mit Humor. Auch ein Fußballtrainer aus der Bundesliga kam regelmäßig – er war es, der mich zuletzt noch vor meinem einsamen Winteraufenthalt gewarnt hatte.