© Petra Bahr

Die ältesten Wurzeln sieht man nicht." Woher kommt die alte Weisheit gerade jetzt, im alten Klostergarten zwischen der bunten Spätsommerpracht? Summen die Insekten, oder klingt aus der Ferne der Geschichte der Gesang der ersten Zisterzienserinnen? Wie aus der Zeit gefallen wirkt das Kloster, wie die vielen Klöster im Sprengel, denen die Zeitläufte nur scheinbar nichts anhaben konnten. Die vielen Bauschichten zeugen von Zerstörung und Neuanfang oder von religiösen und architektonischen Moden.

In den alten Stickbildern verbergen sich geheime Botschaften und die Geschichten, die irgendwo zwischen Mythen und Geschichtsforschung liegen, sie zeigen: Hier begann das Christentum. Hier, in den dicken Mauern, sind die Gebete von Frauen gespeichert, die vor vielen hundert Jahren hier gelebt haben. Eine fremde Welt, ohne die meine eigene nicht wäre. Erst kamen sie, dann die Siedlungen.

Das Summen wird stärker. Es kommt nicht von den Bienen und auch nicht aus der Geschichte. In der Kapelle wird gesungen. Das Kloster ist, wie viele Klöster im Land, kein musealer Ort. Die alten Mauern ragen gestressten Menschen wie ein Versprechen in den Himmel. Hier ist Ruhe, Besinnung, Trost. Das Kloster boomt. Im spirituellen Neudeutsch wird es "Kraftort" genannt. Eine Verlegenheitswort, um all das auf den Begriff zu bringen, was sich an Wünschen und Sehnsüchten an einen Klosteraufenthalt bindet.

Ein evangelischer Konvent hält das Kloster lebendig, Frauen, die im 21. Jahrhundert die alten Traditionen wachhalten und neue hinzufügen. Sie leben nach den Regeln der alten Gemeinschaft und schaffen auf ihre Weise religiöses Leben, stellvertretend für all die verunsicherten, zerstreuten, gebeutelten Menschen, geistliche Konzentration für religiös Aufmerksamkeitsgestörte. Klosterleben auf Zeit, das ist der Renner. Was die Schwestern aus vergangenen Tagen wohl dazu gesagt hätten? Hier gibt es moderne Konferenzräume und Konzerte, einen Kloster-Concept-Store und Essen im Refektorium. Doch das ist nebensächlich, wenn sich der Konvent zum Tageszeitengebet trifft, wenn die hellen Stimmen sich mit denen aus der Vergangenheit zu einem Chor verbinden. Die Verbindung ist nicht abgerissen. Das glaubt sich in diesem Moment leichter.