Mein neues Körperteil: ein glänzendes, beiges, wulstartiges Gebilde, dahinter sieht man ein wenig Knochen. Als ich das im Inneren meines Knies aufgenommene Foto an meine Freunde schicke, bekomme ich aufmunternde Antworten. "Besser als das alte", schreibt einer. Ein anderer: "Damit machst du mehr Umdrehungen als ein Ferrari."

Spott ist die Ernte, wenn im alternden Körper etwas gemacht werden muss. Ich bin Ü50, und ich habe zum ersten Mal ein Ersatzteil bekommen. Wobei dieses Ersatzteil kein Fremdkörper ist. Es handelt sich um ein rund 30 Zentimeter langes Stück meiner Semitendinosus-Sehne. Früher hat es am unteren Ende meines Oberschenkels seinen Dienst getan, als Kniebeuger. Nun ist aus ihm, zweimal gefaltet und mit den Knochen verschraubt, das neue vordere Kreuzband im linken Knie geworden. Dort sorgt es für Stabilität: Der Oberschenkelknochen mit seinen Knorpelschichten liegt wieder passgenau auf dem Innen- und dem Außenmeniskus über dem Schienbein, statt unkontrolliert hin und her zu rutschen. Das Ersatzteil soll mir helfen, wieder so beweglich, so schnell, so stark zu werden wie vorher.

Vorher? Das Vorher endete im Februar 2018 in Innsbruck, unterhalb des Glungezer Gipfels. Höhenlage laut Unfallprotokoll meines Bergführers: 2560 Meter über Normalnull. Ich befand mich auf einer Abfahrt im freien Gelände mit Tourenskiern und brachte ein Kunststück fertig, das mir wenige Tage später in einer Hamburger Praxis respektvollen Spott einbringen sollte: "Gleich beide vordere Kreuzbänder gerissen – wie haben Sie das denn geschafft?"

Ich saß dem Orthopäden Johannes Holz gegenüber und erzählte ihm von meiner Rücklage beim Tiefschneefahren. Dann von der Drehung meines Körpers. Von den Skibindungen, die sich nicht öffneten. Dem Knacken im Knie, dem kurzen Schmerz und der anschließenden Feststellung: Da dürfte was kaputtgegangen sein.

Holz ist ehemaliger Mannschaftsarzt des FC St. Pauli, er arbeitet am Orthocentrum Hamburg. Ihn überraschte nach meiner Schilderung nicht, dass meine Kreuzbänder solch (unfreiwilliges) Fahrverhalten nicht mitgemacht hatten: "Das ist der häufigste Fall: wenn das Knie bei gebeugtem Unterschenkel verdreht wird." Erstaunlicher fand er, wie man es schafft, sich gleich beide vorderen Kreuzbänder zu reißen.

Nicht nur ihn wunderte das. Der zweite Orthopäde, den ich konsultierte, um eine Alternativmeinung zu erhalten, heißt Philip Catala-Lehnen. Er war beim anderen großen Stadtclub Mannschaftsarzt: beim HSV. Aus seiner Praxis erinnerte er sich nur an einen Gewichtheber, dem ebenfalls das Kunststück einer Doppelruptur gelungen war.

Anders als jener Kraftprotz brauchte ich allerdings zwei Unfälle – nacheinander, innerhalb von zehn Minuten. Denn nach der ersten Ruptur im rechten Knie fuhr ich weiter, um irgendwie runterzukommen. Das Knie schlackerte zwar, trotzdem gelangen mir einigermaßen saubere Schwünge, bis ich ein zweites Mal in Rücklage geriet und erneut ein Knie verdrehte. Damit war auch das linke im Eimer. Ein Hubschrauber der Tiroler Bergwacht brachte mich ins Tal.