Starke Symbole versprechen politische Aufmerksamkeit. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder beherrscht dieses politische Handwerk. Ihm verdanken wir gar einen neuen Typus in der kulturgeschichtlichen Nomenklatur des Kreuzes: Den altbekannten Turm-, Altar-, Gipfel-, Wege-, Wetter-, Sühne-, Gerichts- und Schulkreuzen tritt seit dem Frühjahr diesen Jahres das bayerische Behördenkreuz zur Seite. Die bayerische Landesregierung nahm in die "Allgemeine Geschäftsordnung für Behörden" einen Passus auf, dass im "Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ... als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz anzubringen" ist.

In Bayern stehen Landtagswahlen an, und die Landesregierung wollte auf den Zuspruch für rechtspopulistische Kräfte und auf die dahinterstehenden Befindlichkeiten reagieren. Sie wollte den unaufhaltsamen Megatrends der ökonomischen und kulturellen Modernisierung, der Migration, der Säkularisierung und Pluralisierung und der Veränderung des ländlichen Raums eine starke Geste gegenüberstellen. Öffentlichkeitswirksam hängte der Ministerpräsident selbst ein Kreuz in seiner Staatskanzlei auf. Das Bild mit seinen eigenwilligen Lichteffekten gehört schon jetzt zum festen Bestandteil der politischen Ikonografie der Bundesrepublik.

Selten hat eine Verwaltungsanordnung eine solche Aufregung erzeugt. Dazu trug der bayerische Ministerpräsident maßgeblich bei, als er in eigenwilliger Diktion sagte, dass Kreuz sei "nicht ein Zeichen einer Religion". Später relativierte er diese Einlassung. Das Kreuz habe "identitätsstiftende, prägende Wirkung für unsere Gesellschaft". Damit erinnerte er an eine Debatte, die 1995 der sogenannte Kruzifix-Beschluss des Bundesverfassungsgerichts losgetreten hatte. Damals hob das höchste deutsche Gericht die bayerische Anordnung auf, ausnahmslos in jedem Klassenzimmer ein Kreuz aufzuhängen. Zehntausende demonstrierten in München gegen diesen Gerichtsbeschluss. Edmund Stoiber brachte ihren Unmut so zum Ausdruck: "Wer christliche Symbole aus der Öffentlichkeit verbannen will, trifft unsere Kultur in ihrem Lebensnerv."

Standen 1995 die leitenden Geistlichen der katholischen und evangelischen Kirche fest an der Seite der bayerischen Landesregierung, waren 2018 ausgesprochen kritische Töne aus den Reihen der Kirche zu vernehmen. Das Kreuz sei kein "Identitätszeichen irgendeines Landes", betonte der Bamberger Bischof Ludwig Schick. Reinhard Kardinal Marx warnte den Staat davor, das Kreuz zu "enteignen". Der Bochumer Theologe Georg Essen bescheinigte der Landesregierung gar "Blasphemie und Häresie". Die politische Instrumentalisierung des Kreuzes sei "verfassungsrechtlich nur schwer erträglich". Ihm sekundierten namhafte Verfassungsjuristen, die von einem eklatanten Verstoß gegen das Gebot religiös-weltanschaulicher Neutralität des Staates sprachen. Die stets empörungsbereite Twitter-Gemeinde schließlich machte ihrem Unmut unter dem Hashtag "Kreuzzwang" Luft.

Inzwischen haben sich die Kontroversen um das bayerische Behördenkreuz trotz des heißen Sommers abgekühlt. Mit der zeitlichen Distanz wächst das analytische Interesse an dem Vorgang. Was können wir aus der leidenschaftlich geführten Debatte lernen?

Eine erste Lektion: Wir sollten genauer zwischen dem Verfassungsrecht auf der einen Seite und Religions- und Identitätspolitik auf der anderen Seite zu unterscheiden lernen. Das Behördenkreuz mag vielen ein religionspolitisches Ärgernis und integrationspolitischer Querschläger sein. Aber evident verfassungswidrig ist es nicht. Die Religionsfreiheit nach dem Grundgesetz schützt nicht pauschal vor der Konfrontation mit religiösen Symbolen und Praktiken. Sicherlich: Der Staat darf niemanden dazu zwingen, "unter dem Kreuz" zu lernen, Prozesse zu führen oder seine Verwaltungsgeschäfte zu erledigen. Eine kurze Begegnung im Eingangsbereich einer Behörde erreicht jedoch noch nicht die für einen Grundrechtseingriff maßgebliche Schwelle.

Ebenso liegt im Kreuzerlass für sich noch kein klarer Verstoß gegen staatliche Neutralitätspflichten. Mit der Staatskirche ist zwar jede Form von Staatsreligion oder Staatsweltanschauung abgeschafft. Der Staat des Grundgesetzes darf sich nicht mit einer bestimmten Religion identifizieren. Doch er muss auch nicht blind gegenüber seiner eigenen Vorgeschichte sein. Er darf die religionskulturellen Prägekräfte unserer Vorstellungen von Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Demokratie zur Kenntnis nehmen und etwa in der Schule zur Darstellung bringen.

Die maßgeblichen Akteure in Bayern wussten also, was sie taten, als sie das Kreuz in seiner theologischen Bedeutung relativierten und seine kulturell-geschichtliche Relevanz betonten: Erkennbar ging es der Landesregierung nicht darum, die christliche Wahrheit zu propagieren und an das Heilswerk Jesu Christi zu erinnern. So vermied sie die offensichtliche Neutralitätsverletzung.

Eine zweite Lektion: Die Kirchen haben kein Deutungsmonopol auf das Kreuz. So manche Einlassung wirkte eigenwillig pikiert: Wie können die es wagen, mag der eine Kirchenmann oder die andere Kirchenfrau gedacht und dabei gerade die eher restriktive Migrations- und Flüchtlingspolitik der CSU im Hinterkopf gehabt haben. Doch die kulturelle Produktivität religiöser Symbole zeigt sich gerade darin, dass sich ihre Wirkweise, ihr überschießender Sinn, ihre Deutungsvielfalt nicht kontrollieren lassen.

Wenn Madonna das Kreuz in ihren Musikvideos in Szene setzt, wird die Kirche ebenso wenig "enteignet" (Kardinal Marx) wie bei Kreuzdarstellungen auf skandinavischen Nationalflaggen oder eben beim bayerischen Behördenkreuz. Verfassungsrechtliche Grenzen wären klar überschritten, wenn der Staat mit der ihm eigenen Autorität das religiöse Deutungsrecht der Kirche in Abrede stellte. Davon konnte hier nicht ernsthaft die Rede sein.