Es ist still am anderen Ende der Leitung. Habe ich etwas Falsches gesagt? Es ist mein erstes Vorstellungsgespräch bei einer Maschine. Ich bin irritiert. "Äh, soll ich dazu noch mehr sagen?", frage ich. Schweigen.

So rede ich einfach weiter und erzähle, wie ein "typischer Sonntag" bei mir aussieht. Danach hatte mich der Roboter gefragt. Komische Frage. Ich habe schon alles Mögliche aufgezählt – lange ausschlafen, ausgiebig frühstücken, Blick in die Sonntagszeitung, Ausflug ins Grüne, manchmal auch einen Artikel schreiben. Was noch? Ich gerate ins Stocken und frage mich, was der Roboter jetzt wohl denken mag. Wenn er denn etwas denkt. Registriert er eine Spur Verunsicherung in meiner Stimme? Erzählen andere Menschen lebendiger als ich?

Mein Vorstellungsgespräch hat gerade erst begonnen, aber ich habe schon jetzt das Gefühl: Das geht schief.

Der Roboter, der mich interviewt, ist keine Maschine mit Metallarmen, sondern ein Computerprogramm namens Precire. Ausgestattet mit künstlicher Intelligenz und einer aufgezeichneten Stimme. Es soll prüfen, ob ich für eine Führungsposition beim Versicherungskonzern Talanx geeignet bin. Das Unternehmen (Marken: HDI, Hannover Rück, Neue Leben; 22.000 Mitarbeiter) setzt die Maschine ein, um Bewerber für Leitungspositionen zu durchleuchten. Das gibt es immer öfter: Computer sehen Bewerbungen durch, testen Kandidaten, führen Vorstellungsgespräche, fällen ein Urteil. "Robo-Recruiting" nennen Experten das. Die Digitalisierung ist angekommen, wo man sie zuallerletzt erwartet: bei den Human Resources.

Ich habe mit Talanx vereinbart, dass ich an ihrem Test teilnehme wie ein normaler Bewerber. Zuerst bekomme ich eine E-Mail mit der Begrüßung "Willkommen!" und einem Link zur Registrierung. Die Fragen in dem Interview, heißt es in der Mail, "sollen dazu anregen, dass Sie möglichst frei erzählen können. Themenfelder sind z. B. Ihre Hobbies."

Ich lege mir ein paar Antworten zurecht, dann logge ich mich auf der Internetseite ein. Das Programm fordert mich auf, eine Telefonnummer zu wählen und einen Zugangscode einzugeben. Während ich die Zahlen eintippe, muss ich an einen Science-Fiction-Film aus den Achtzigerjahren denken, den Blade Runner. In der ersten Szene traktiert ein Mann in einem düsteren Büro den neu eingestellten Mülltechniker Leon Kowalski mit merkwürdigen Fragen, um herauszufinden, ob dieser Leon wirklich ein Mensch ist – oder eine Maschine. Der Film spielt im Jahr 2019. Die Realität heute kommt mir noch bizarrer vor: Jetzt stellt eine Maschine die Fragen.

Sie meldet sich am Telefon mit einer Männerstimme. Der Tonfall ist nüchtern. Die Stimme sagt: "Den Zugang zum Precire-Interview erhalten Sie mit der Raute-Taste", und wiederholt den Satz zweimal, weil ich nicht sofort auf die Taste drücke. Danach fordert mich die Stimme in sachlichem Ton auf: "Bitte beschreiben Sie den Ablauf eines typischen Sonntags." Ich erzähle von Ausflügen mit meiner Frau und den Kindern, vom Paddeln auf der Alster und Besuchen bei meinen Eltern. Die Maschine lauscht, und es kommt zu diesem langen Schweigen.

Es dauert, bis ich kapiere, dass ich wieder die Raute-Taste drücken muss. Sofort meldet sich die Stimme zurück: "Erzählen Sie bitte ausführlich von einem positiven privaten oder beruflichen Erlebnis der letzten Zeit." Ich berichte von einer Reise mit Freunden an die Nordsee, von Schafen und Dünen und Wanderungen am Strand. Später denke ich: Hier hätte ich auch etwas Berufliches nennen können. Ein Fehler?