Die Überraschung der diesjährigen Sommerpause war, dass sie überhaupt stattfand. Eine Art Ruhe nach dem Sturm. Denn eine Eskalation wie in den Monaten zuvor hat es in der Ära Merkel noch nicht gegeben. Nie standen CDU und CSU so dicht vor dem Abgrund – dem Ende ihrer jahrzehntelangen Kooperation, wie während des offen ausgetragenen Streits über die Flüchtlingspolitik. Wahrscheinlich waren die Erschöpfung und der Schock darüber, wie fragil die Einheit der Union inzwischen geworden ist, die Gründe für einen heißen aggressionsfreien Sommer. Der Herbst verspricht neue Eruptionen.

Denn wie die zurückliegenden Kämpfe in der Union ihre Dynamik erst durch die Aussicht auf die bayerische Landtagswahl entfaltet haben, werden sie noch heftiger aufbrechen, wenn die Wahl stattgefunden hat. Könnte die CSU am 14. Oktober ihre absolute Mehrheit verteidigen – wofür aus heutiger Sicht wenig spricht –, würde die Erleichterung in einen Triumph münden, der neue Machtansprüche der CSU und neue Verwerfungen in der Union auslösen würde. Der wahrscheinlichere Fall ist der Verlust der absoluten Mehrheit – und der Beginn noch größerer Verwerfungen. Dann wird die CSU erneut zur Debatte stellen, was schon im Frühsommer beinahe zum Bruch geführt hatte: das Selbstverständnis der Union, ihre strategische Ausrichtung, Merkels Kurs und letztlich die Frage, ob es noch eine gemeinsame Zukunft von CDU und CSU geben kann.

Bayern 2018 wird die bedeutsamste Landtagswahl seit NRW 2005. Damals markierte die historische Niederlage der SPD den Anfang vom Ende der Ära Schröder. Dieses Mal könnte die Niederlage der CSU die Jahrzehnte ihrer Hegemonie in Bayern beenden und die Basis ihrer bundespolitischen Machtstellung zerstören. Nur aus Panik vor einer solchen Entwicklung und, um sie doch noch abzuwenden, hatte die CSU-Führung im Juni den Dissens über die Flüchtlingspolitik so dramatisch verschärft, dass mit einem Mal die Koalition, die Kanzlerin und die Union insgesamt auf dem Spiel standen.

Ein solches strategisches Kunststück hat man noch nicht erlebt: Um die gefährliche rechte Konkurrenz zu stoppen, näherte sich die CSU deren Positionen so weit an, dass sich der Kampf gegen die AfD von deren Unterstützung kaum mehr unterscheiden ließ. Die Folgen dieser Strategie sind nachhaltig: Die AfD steht in den Umfragen auf hohem Niveau, die CSU auf einem historischen Tief. Sie gewinnt keine AfD-Wähler, verliert aber Anhänger aus dem liberalen Spektrum. In ihrer Wut auf Merkel, deren Flüchtlingspolitik und den Aufstieg der AfD hatte die CSU schlicht übersehen, dass ihre Sonderstellung in der deutschen Parteienlandschaft auf ihrer Anziehungskraft bis weit ins liberale Spektrum hinein basiert.

Wie die CSU in den verbleibenden acht Wochen den Abwärtstrend noch einmal brechen könnte, gehört zu den Rätseln, mit denen sich ihre Führung seit dem großen Krach herumschlägt. Immerhin hat Ministerpräsident Markus Söder in seiner kurzen Amtszeit schon einige Posen durchprobiert. Am Anfang gab er überraschend rollensicher den sorgenden Landesvater, verwandelte sich dann, als die Umfragen mies blieben, in einen sicherheits- und flüchtlingspolitischen Haudegen, um schließlich, erschrocken über den eigenen Kursverfall, die rechte Volte unter skrupulösen Bekundungen abzublasen. Inzwischen lässt Söder süße Porträts mit Welpen, Kätzchen und Schafen im Internet kursieren. Bei einem von seinem Schlag ist das eigentlich schon eine Kapitulation.

Wenn es schlecht läuft für die CSU, landet sie unter 40 Prozent, 38 Prozent waren es bei der letzten Bundestagswahl. CSU-Chef Horst Seehofer könnte über das Desaster endgültig stürzen: ein überforderter Innenminister, am Ende auch noch ein glückloser Parteichef, der seinen selbstbestimmten Abgang lange im Blick hatte und ihn dann doch verpasste. Wie tief die CSU fallen müsste, damit auch Söder gehen muss? Die Antwort lautet: Ziemlich tief. Umfragen weisen ihn als den mit Abstand unbeliebtesten Ministerpräsidenten der Republik aus. In der Partei haben ihn die letzten Monate weiter an Ansehen gekostet. Nur Konkurrenz, die ihm am Wahlabend die Macht streitig machen könnte, hat sich noch nicht zu erkennen gegeben. Es muss sie geben, die liberale CSU, aber im kommenden Machtkampf spielt sie eher keine Rolle. Denkbar ist, dass Söder selbst einen Absturz weit unter die 40-Prozent-Marke überlebt. Er wird dann eine Koalition zusammenschustern, am ehesten aus Freien Wählern und FDP – falls die Liberalen in den Landtag kommen. Wenn nicht, müsste die CSU mit Sozialdemokraten oder Grünen regieren. Das Unvorstellbare hat in den vergangenen Wochen an Plausibilität gewonnen. Nicht abzusehen, wie eine Partei mit so geringer Frustrationstoleranz wie die CSU mit solchen Zumutungen klarkommen wird.

Es wird also mal wieder nicht einfach für die Kanzlerin. Würde sie solche Gefühle hegen, könnte sie mit einiger Schadenfreude zusehen, wie ihre bayerischen Partner, die auf dem Höhepunkt der jüngsten Krise wie eine Merkel-muss-weg-Bewegung auftraten, gegen die Wand fahren. Doch selbst Merkel-Anhänger aus der CDU-Führung versichern glaubhaft, das Letzte, was man sich wünsche, sei ein bayerisches Desaster. Darin steckt mehr Kalkül als Wohlwollen. Merkel weiß natürlich, dass mit einer tief getroffenen CSU das Regieren noch unberechenbarer würde.