So eine Kritik kann wohl nur eine Frau wagen, die sich selbst als "Feministin" bezeichnet und zwei Kinder hat. Die bei ihrer letzten Schwangerschaft noch im achten Monat weiterhin jeden Morgen zum Dienst erschien und wenige Tage vor der Entbindung Interviews gab. Schwangere Lehrerinnen, monierte die Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan kurz vor den Ferien, würden heute "sehr schnell krankgeschrieben, sodass diese Kräfte kurzfristig fehlen. Offenbar verträgt es sich heute nicht, schwanger zu sein und mit Kindern zu arbeiten."

Die 43-jährige Politikerin spricht einen Trend an, der bei Eltern betroffener Schüler Unmut auslöst und Schulleitungen wie Bildungsverwaltungen zunehmend vor Probleme stellt: Lehrerinnen, die ein Kind erwarten, melden sich viele Monate vor der Entbindung vom Schuldienst ab. "Man besetzt eine Stelle", klagt Bogedan, "die Schulleitung macht einen Haken dran, und kurz darauf teilt die Junglehrerin mit, sie sei schwanger" – häufig verbunden mit einer Bescheinigung vom Arzt, der eine umgehende Freistellung fordert.

Man kann jungen Frauen schlecht vorwerfen, dass sie Kinder bekommen

Das deutsche Schulsystem leidet unter Personalnotstand. In der näheren Zukunft fehlen bundesweit bis zu 35.000 Lehrer. Schon zum neuen Schuljahr blieben Tausende Stellen unbesetzt – trotz Seiteneinsteigerprogrammen und Rückholaktionen für pensionierte Pädagogen. Dringend ersehnen sich die überalterten deutschen Kollegien einen Generationswechsel. Doch manche junge Kollegin, die gerade mit dem Unterricht begonnen hat, ist schon bald wieder weg – weil sie eigenen Nachwuchs erwartet. Es gibt wenige Branchen, die so familienfreundlich sind wie der Arbeitsplatz Schule. In Zeiten des akuten Lehrermangels stößt das nun an Grenzen.

Statistiken zum Thema fehlen, öffentlich spricht das Problem kaum jemand an. Verständlich. Man kann jungen Frauen schlecht vorwerfen, dass sie Kinder bekommen. Und einen jungen Vater nicht kritisieren, dass er eine Auszeit nimmt, um sich um seine Familie zu kümmern. "Natürlich freut man sich persönlich für jede einzelne Kollegin", sagt die Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbands Deutschland, Gudrun Wolters-Vogeler. Aber wenn eine Lehrerin zusammen mit der guten Nachricht vom erwarteten Nachwuchs ein Attest oder ein vollständiges Beschäftigungsverbot präsentiere, "dann ist das für die Schulen in heutigen Zeiten schon ein Problem".

Eigentlich beginnt der offizielle Mutterschutz in Deutschland sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Von diesem Zeitpunkt an darf die werdende Mutter nur noch auf ausdrücklichen Wunsch arbeiten. In der Schule jedoch halte es heute kaum eine Schwangere so lange aus, sagt Nina Löb, Leiterin einer Grundschule in Hamburg-Lokstedt. Die meisten der jungen Kolleginnen würden sich im vierten, spätestens im fünften Monat verabschieden, einige sogar schon im ersten Drittel der Schwangerschaft. "Da hat sich im Vergleich zu früher etwas verschoben", sagt Löb.

Es ist paradox: Dank moderner Medizin sind Schwangerschaft und Geburt mit weniger Gefahren verbunden als jemals zuvor. Gleichzeitig ist das gefühlte Risiko in den Köpfen von Frauen und Ärzten heute so hoch wie nie. Was mit dem Furcht erweckenden Begriff "Risikoschwangerschaften" zusammenhängen mag. Denn es stimmt ja, die Mütter werden immer älter, durchschnittlich knapp 30 Jahre sind sie inzwischen bei der Geburt des ersten Kindes. Und auch die stetig steigende Übergewichtsquote, die bei den 30- bis 35-Jährigen inzwischen 30,9 Prozent beträgt, ist ein negativer Faktor.

Hat sich das Berufsverständnis geändert?

Akkumuliert man alle erkennbaren Risiken, kann man sich vorstellen, dass die Zeiten, als eine Schwangere neun Monate lang in "froher Erwartung" zuversichtlich der Entbindung entgegenblickte, vorbei sind: Von der Bundesregierung wurde der Anteil der Risikoschwangerschaften, der 1990 noch bei einem Drittel lag, vor vier Jahren mit 73,4 Prozent angegeben. Das Risiko ist das Normale.

Ausgerechnet im pädagogischen Milieu – in Kitas und Schulen – scheint diese Sorge besonders ausgeprägt zu sein. In kaum einem anderen Beschäftigungszweig dürfte der zeitliche Abstand zwischen positivem Schwangerschaftstest und Eintritt der Schonzeit für die Mutter so nah beieinanderliegen. Strenge Schutzvorschriften und fehlende Impfungen sind ein Grund dafür, der kräftezehrende Lehreralltag ein wichtiger anderer. Aber wer mit Schulverantwortlichen spricht, erfährt auch von anderen Gründen: von gestiegenen Sensibilitäten. Und einem gewandelten Berufsverständnis.

Besonders stark kollidiert die Personalplanung der Schulen mit der Familienplanung ihrer Lehrkräfte derzeit in Hamburg. Die "Diagnose schwank" ist in Schulkreisen der Hansestadt ein geflügeltes Wort geworden: die Verbindung von schwanger und krank. Und am Landesinstitut für Lehrerbildung können Schulleiter Seminare buchen mit dem Titel: "Hilfe, alle sind schwanger – Personalentwicklung unter anderen Umständen".

Lange waren die Hamburger Lehrer im Schnitt die ältesten der Republik, heute sind sie dank des Generationswechsels die jüngsten. Es gibt Schulen, an denen kein Kollege älter als 50 Jahre ist, und mehr als die Hälfte ist unter 35. In jener Lebensphase also, in der man eben an die Familienplanung denkt. So fielen im vergangenen Schuljahr laut Behörde über 54 Prozent der Lehrer, die vertreten werden mussten, wegen Elternzeit oder Mutterschutz aus – insgesamt 1140 Personen.