Manches habe ich probiert spirituell. Das meiste ging daneben. Für tantrische Verrenkungen bin ich zu grobmotorisch. Beim Meditieren fallen mir die Augen zu. Und der Dalai Lama hat es bislang auch nicht geschafft, mich zu erleuchten mit einem Lachen. Erschwerend kommt hinzu: Ich bin kein glühend gläubiger Veganer, habe also keine besondere Heilserwartung an mein Frühstück. Alle Wege, die der spirituell suchende Großstädter heutzutage geht, nur um nicht in die Kirche gehen zu müssen, sind mir deshalb verschlossen. Gleichzeitig bin ich ein Kind meiner Zeit. Als solches tue ich mich schwer, mich so vorbehaltlos am Weihrauch zu berauschen, wie es die Generation meiner Eltern noch vermochte.

Lange dachte ich, ich bin metaphysisch versaut. Dann erkannte ich: Ich bin nur ein Gläubiger anderer Art: Ich lese.

Formal bezeichnet "lesen" nur eine Kulturtechnik zur Aneignung von Wissen. Doch wird diese Definition dem, was in mir vorgeht dabei, nicht mal ansatzweise gerecht. Vorausgesetzt es stimmt also, was der Religionswissenschaftler Rudolf Otto behauptet – dass das Heilige ein Amalgam ist aus "tremendum et fascinans", dem "Erschütternden und Erhabenen" –, kann auch Lesen religiösen Charakter besitzen. Dann kann es heilig sein für mich, wenn Bücher mich ausreichend erschüttern.

Die Vorstellung allerdings, dass Bücher mehr sind als bedrucktes Papier, einen gar verändern, berühren oder trösten können, wirkt heute auf viele Menschen sicher befremdlich. Laut einer Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels kaufen nur 45,6 Prozent der Deutschen (Tendenz stark fallend!) überhaupt noch Bücher. Damit hat der Buchhandel in den letzten Jahren mehr an gesellschaftlicher Relevanz verloren als beide Kirchen in Deutschland. Denen gehören trotz Säkularisierung und Austrittswelle heute noch 54 Prozent der Deutschen an.

Dabei galten Buch und Kirche lange als selbstverständliche Sinn-Instanzen in der Welt. Doch weiß die Welt mit diesem Sinn mittlerweile immer weniger anzufangen. Warum noch lesen? Warum glauben? Wer das fragt, muss auch fragen: Wieso lese ich überhaupt? Woran glaube ich denn noch?

Die interessanteste Theorie, warum die Moderne Buch und Kirche den Rücken kehrt, hat momentan der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer zu bieten. In einem Buch über die Vereindeutigung der Welt macht er einen Verlust an "Ambiguitätstoleranz", der Fähigkeit also, "Mehr- oder Vieldeutigkeit" auszuhalten, nicht nur für die Krise des Lesens und Betens, sondern für die des Westens an sich verantwortlich.

Und schaut man sich den derzeit mächtigsten Mann des Westens an, den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, muss man sagen: Da ist etwas dran. Schließlich ist für Trump der ideale Text gleichbedeutend mit einem Tweet, der in möglichst wenigen Zeichen möglichst viele Randgruppen mit möglichst wenig Interpretationsspielraum beleidigt. Dass Trump Bücher für Zeitverschwendung hält, ist da nur folgerichtig, wenn auch bitter – besonders für Verehrer der amerikanischen Literatur wie mich.

Andererseits bestätigt und verstärkt der Verfall des Westens aber auch den im gläubigen Leser angelegten Bekenntnisdrang. Weil einem das Lesen wichtig ist, weil man damit Schönheit und Gnade verbindet, versucht man das Medium Buch eben im Alleingang zu retten. Deshalb können Buchgläubige wie ich keine noch so gesichtslose Thalia-Filiale ohne Druckwerk verlassen. Letzteres landet dann ganz oben auf dem Bücherturm neben dem Ohrensessel, gleich über der dritten Prachtausgabe von Moby Dick, mit der man gestern bereits ein Kulturcafé im Prenzlauer Berg gerettet hat. Kein Wunder also, dass die Verlage sich trotz Käuferschwund vor den großen Buchmessen gegenseitig gutes Befinden bescheinigen. Es gibt ja noch immer genug arme Irre wie mich, die mit jedem Buchkauf Zeugnis ablegen.

Dabei schwindet auch bei uns die Hoffnung, dass für das Lesen überhaupt Platz ist in dieser Welt. Etwa wenn wir beobachten, wie unsere Mitreisenden sich morgens in der Bahn lieber durch Whats-App-Nachrichten scrollen, statt sich den neuen, vier Kilo schweren zweiten Teil von Thomas Manns Joseph und seine Brüder auf den Schoß zu wuchten. Oder wenn wir feststellen: Das gut sortierte Antiquariat, das von einem sozialphobisch veranlagten Einsiedler lange vor dem Zeitgeist gerettet wurde, ist nun einer O2-Filiale gewichen. Oder wenn in dem Kulturkaufhaus mit den Ansichtskarten und den Superhelden-Filmen irritierte Blicke aus der Abteilung mit dem Geschenkkrimskrams herüberwandern zu den Klassikern, weil sich dort ein armer Irrer (ich!) erlaubt, vor dem Kauf an Moby Dick zu riechen – oder weil er dem Klang der Seiten lauscht beim Blättern. Denn was Nichtleser nie verstehen werden: Sinn- und Übersinnlichkeit gehören für jeden Gläubigen zusammen. Wir sind Augen, Ohren, Herz und Hirn.