Papst Franziskus reist an diesem Samstag zum Weltfamilientreffen nach Dublin. Die Konferenz in Irland mit Tausenden katholischen Familien soll eine fröhliche Feier werden, ganz im Zeichen des Papstschreibens Amoris laetitia.

Vom strengen Moralgerüst vergangener Zeiten will die Kirche unter Franziskus endlich zu den freudigen Aspekten der Seelsorge gelangen. Das Weltfamilientreffen steht unter dem Motto "Freude für die Welt". Doch die Wirklichkeit zwingt der katholischen Kirche die Beschäftigung mit ihrem dunkelsten Kapitel auf, dem sexuellen Missbrauch durch Priester oder andere Mitglieder des Klerus. Ausgerechnet in dem Moment, in dem der Papst ein neues Kapitel aufschlagen will, melden sich die Schatten der Vergangenheit so vehement wie lange nicht mehr.

Natürlich steckt darin eine Botschaft: Franziskus, der Vatikan, die katholische Kirche insgesamt können noch so viel in die Zukunft blicken und vom Paradigmenwechsel träumen. Ihre essenzielle Aufgabe besteht darin, wirklich Klarheit bezüglich ihrer eigenen Vergangenheit zu schaffen. In Sachen Prävention ist die katholische Kirche in einigen Ländern auf einem guten Weg, in anderen hinkt sie extrem hinterher.

Einen ehrlichen Rückblick und glaubwürdige Aufarbeitung kann ihr aber niemand abnehmen. Im September will die Deutsche Bischofskonferenz einen entsprechenden Report vorstellen, das kann ein wichtiger Schritt nach vorn sein. Staatsanwälte und Gerichte müssen selbstverständlich ihre Arbeit tun. Damit ist es für die Kirche aber nicht getan. Sie muss die Aufarbeitung ihrer finsteren Vergangenheit selbst leisten – und das weltweit.

Die Ermittlungen einer Jury im US-Bundesstaat Pennsylvania sind erschreckend und doch wenig überraschend zugleich. Die Nachforschungen wurden nur möglich, weil die Ermittler Geheimakten beschlagnahmten. Die Diözesen verweigerten zunächst ihre Zusammenarbeit.

Der Fall Pennsylvania zeigt: Es ist eine Illusion, wenn die Kirche glaubt, auf diese Weise Schaden von sich abwehren zu können. Papst Franziskus könnte aus dieser Affäre lernen, dass es sinnvoller und heilsamer ist, den Weg der schonungslosen Aufklärung selbst zu gehen, anstatt jedesmal wieder passiv die Aufdeckungen zu ertragen. Andernfalls bleibt die Kirche unglaubwürdig. Schuldbekenntnisse wie aus dem Anfang dieser Woche veröffentlichten Rundbrief an alle Gläubigen, in dem Franziskus "Scham und Reue" für Unterlassungen und verspätete Handlungen eingestand, genügen nicht. Die Kirche muss jeden einzelnen Fall selbst prüfen und ihre Versäumnisse im Detail bekennen.

Wie realistisch diese Aufforderung zur Selbstaufklärung ist, bleibt fraglich. Denn das große Problem der katholischen Kirche sind nicht nur die massenhaften Fälle von Missbrauch in der Vergangenheit, sondern die hundertfache mittelbare Verwicklung von Würdenträgern, die immer noch leitende Funktionen in der Kirche ausüben. Die pädophilen Täter konnten nur so viel Unheil anrichten, weil der Klerus sie oft in falsch verstandener Barmherzigkeit einfach frei walten ließ und von Pfarrei zu Pfarrei versetzte.

Offensichtlich wird dieses Dilemma auch beim Weltfamilientag in Dublin. Dort ist der Erzbischof von Washington, Donald Kardinal Wuerl, als Hauptredner zum Thema "Familie und Glaube" geladen. Wuerl ist einer der Paladine des Papstes in der US-Kirche. Früher war er 18 Jahre Bischof in Pittsburgh, einer der sechs betroffenen Diözesen in Pennsylvania. Wenn er in dieser Zeit nichts von den Verhältnissen mitbekommen hat, war er eine Fehlbesetzung. Wusste er Bescheid, umso schlimmer.

Auch der Fall Philip Wilson ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Der 67-jährige Bischof von Adelaide wurde gerade von einem Gericht in Australien zu einem Jahr Haft verurteilt, die er im Hausarrest zubringen muss. Erstmals zog ein Gericht einen so hohen katholischen Würdenträger wegen Vertuschung eines Missbrauchsfalles zur Rechenschaft. Die Kirche selbst scheitert nach wie vor an dieser Hürde. 2014 kündigte Franziskus die Einrichtung eines Vatikan-Gerichts für vertuschende Bischöfe an. Das Tribunal besteht bis heute nicht, wahrscheinlich, weil es umstürzendes Potenzial hätte.

Das Problem, dem sich nun Papst Franziskus stellen muss, ist kulturell. Jahrzehntelang hielt die kirchliche Nomenklatur flächendeckend ihre Hand schützend über die Täter und die Institution, anstatt sich im Zeichen der Liebe, die sie predigt, auf die Seite der Opfer zu stellen. Das Personal von damals hat heute teilweise immer noch Verantwortung, oft an höchster Stelle.

Da ist zum Beispiel der Fall des 77-jährigen australischen Kurienkardinals George Pell, der vom Papst mit den Finanzreformen im Vatikan betraut wurde. Pells Übergriffe werden derzeit gerichtlich geprüft, seine Gnadenlosigkeit mit Betroffenen und Solidarität mit Tätern ist seit Jahren bekannt. Franziskus hat Pell beurlaubt, aber nicht entlassen. Der Papst sagt, er wolle ein Gerichtsurteil abwarten und erst dann Position beziehen.

Offenbar erkennt Franziskus langsam die Unhaltbarkeit dieses verantwortungslosen Zögerns. Das zeigt der Fall Theodore McCarrick, der in 1970er-Jahren Minderjährige vergewaltigt haben soll. Erst jetzt wurden die Taten öffentlich, die dem US-Klerus seit Jahrzehnten bekannt waren. In diesem Fall reagierte Franziskus rasch und erkannte dem emeritierten Erzbischof die Kardinalswürde ab, obwohl sich kein Gericht mit dem Fall befasst hat.

Dass Franziskus keinen klaren Kurs fährt, zeigt auch sein Verhalten im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Chile. Zunächst schlug er sich auf die Seite der Täter und bezeichnete die Anschuldigungen gegen einen Bischof aus dem Kreis des klerikalen Serientäters Fernando Karadima als "Verleumdung". Nachdem ihn eigene Mitarbeiter öffentlich kritisiert hatten, kam die überfällige Kehrtwende. Franziskus schickte Vatikan-Ermittler nach Chile. Als diese das Ausmaß des Übels ans Licht brachten, entschuldigte er sich bei den Opfern. Die gesamte Bischofskonferenz bot ihren Rücktritt an. Die Selbstaufklärung kam erst, nachdem sich der Papst selbst in die Sackgasse befördert hatte.

Und jetzt? Viele Betroffene von sexueller Gewalt setzen immer noch Hoffnungen in Papst Franziskus, gerade weil er im Fall Chile keinen Hehl aus der eigenen Fehlbarkeit gemacht hat. Doch damit ist es nicht getan. Natürlich müssten sich eigentlich alle amtierenden und emeritierten Bischöfe, die Missbrauchsfälle vertuscht haben, ganz konkret zu ihren Verfehlungen bekennen oder von kirchlichen Stellen zur Verantwortung gezogen werden.

Die Konsequenzen wären weitreichend. Auch Jorge Bergoglio hat als Erzbischof von Buenos Aires in 15 Jahren Amtszeit Fehler gemacht. Die US-Organisation Bishop Accountability listet fünf Fälle von Priestern der Diözese Buenos Aires auf, die sexuellen Missbrauch begangen haben. Der heutige Papst soll als Vorgesetzter bei diesen Fällen eine zumindest zweifelhafte Rolle gespielt haben.

Franziskus hat die Macht, alles zu verändern. Das gilt auch im Hinblick auf den Umgang mit den Fällen, die ihn selbst als Erzbischof betreffen.