Die meisten journalistischen Texte sind Eintagsfliegen. Man schreibt sie und vergisst sie. Dann gibt es Texte wie Elefanten. Sie fallen auf, werden gelesen, diskutiert, geteilt, die einen freuen sich darüber, die andern ärgern sich. Und sie wandern, werden wieder und wieder zitiert. Jeder Journalist wünscht sich, irgendwann einen solchen Elefanten zu erschaffen. In der Theorie ist das einfach: Man muss nur das richtige Thema im richtigen Moment treffen und so darüber schreiben, dass der Text möglichst viele Menschen berührt. In der Praxis scheitert man fast täglich an diesem Anspruch. Und wenn es doch einmal gelingt, ist es fast immer Glück.

Der größte, am weitesten gereiste Elefant, den ich im Laufe meines Journalistenlebens erschaffen habe, schrieb ich für die ZEIT. Es war ein ziemlich sexy Elefant, denn es ging um Monogamie. "Die große Lüge" hieß das Stück, das mich zur Expertin in Sachen Fremdgehen und schließlich zur Buchautorin machte.

Erstmals erschien der Text im März 2012 – und er begleitet mich bis heute. Alle paar Monate schreibt mir ein Leser, meistens sind es Männer: "Frau Binswanger, danke, dass Sie diesen Text geschrieben haben, es ist, als berichteten Sie direkt aus meinem Leben." Oft sind es sehr lange Mails mit philosophischen Abhandlungen über die sexuelle Natur des Menschen, die kulturellen Zwänge, die ihn beschränken, und die psychischen Nöte, die dadurch ausgelöst werden. Die Nachrichten zeigen mir, dass mein Elefant nach wie vor im Internet umherstreift und offensichtlich noch sehr frisch wirkt. Oft realisieren die Leser gar nicht, wie alt der Text ist. Und offensichtlich hat er auch heute noch das Potenzial, die Menschen zum Nachdenken anzuregen – und zum Schreiben.

Ich hatte zuvor noch nie für die ZEIT geschrieben und suchte nach einem Thema für die Schweiz-Ausgabe. Ich hatte gerade den New York Times-Bestseller Sex at Dawn gelesen, geschrieben vom Ehepaar Christopher Ryan und Cacilda Jetha. Sie erklären darin aus evolutionspsychologischer Perspektive, warum der Mensch sexuell so funktioniert, wie er das tut. Wie immer neue Kulturen und Gelehrte versucht haben, die triebhafte menschliche Natur in etwas Edleres umzudeuten, und warum wir trotzdem so zuverlässig an den gesellschaftlichen Ansprüchen scheitern. Das Buch entflammte mich. Nicht nur, weil es hervorragend geschrieben ist, vermeintliche Selbstverständlichkeiten auf den Kopf stellt und der weiblichen Sexualität viel Platz einräumt. Sondern weil mich das Thema in dieser Zeit auch privat stark beschäftigte: Schon früher waren meine Beziehungen wegen Untreue zu Bruch gegangen. Also hatte ich jeweils versucht, das Thema schon zu Anfang einer Beziehung anzusprechen und zu klären. Auch in meiner damals aktuellen Beziehung hatte ich das getan – und musste dann feststellen, dass wir uns zwar in der Theorie einig gewesen waren. In der Praxis jedoch nicht.

Mit meiner Beziehung am Abgrund setzte ich mir zum Ziel, ein Stück zu schreiben, das meine privaten Fragen mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Buch verbände. Warum, so war mein Hauptthema, halten wir so konsequent am monogamen Beziehungsideal fest, obschon wir so zuverlässig daran scheitern? Warum verletzt Untreue so sehr? Und warum versuchen wir es trotzdem immer wieder mit der Monogamie, wenn dieses Modell doch nicht funktioniert? Peer Teuwsen, der damalige Chef der Schweizer Ausgabe, war begeistert von meinem Vorschlag, und ich machte mich an die Arbeit.

Sie lief einigermaßen flott. Ich suchte Zahlen zusammen, befragte Paartherapeuten und Sexologinnen, las noch mehr Literatur dazu und sprach mit Freunden über ihre Erfahrungen mit Treue und Beziehungen. Schließlich setzte ich mich hin und brachte meinen Text zu Papier. Doch als ich fertig war, schien mir etwas zu fehlen. So prickelnd das Thema ist, mein Stück war es nicht. Es wirkte distanziert und blutleer.

Kurz vor dem Abgabetermin schickte ich den Text einem befreundeten Journalisten und bat ihn um Rat. Es dauerte nicht lange, und er rief mich zurück, mir klopfte das Herz. Hm, sagte er. Das mit diesen Experten und Fachleuten. Ist das in diesem Fall die richtige Herangehensweise? Bist in diesem Fall nicht du die Expertin? Das Thema bewegt dich doch auch persönlich: Schreib über dich!

Wenn ein Text nicht funktioniert, muss man ihn manchmal meucheln. Der Trick ist, ihn wegzulegen und noch einmal vollkommen neu zu beginnen und so zu erzählen, wie man ihn noch im Kopf hat. Ich setzte mich noch einmal hin und begann von mir selbst zu erzählen. Meinen eigenen Kämpfen mit Beziehungen und Untreue, den Lektionen, die ich gelernt hatte, und den anderen, an denen ich scheiterte. Was ich damals dachte, warum ich es tat und wozu das weiter führte. Von sich selber zu erzählen bringt den Vorteil, eine Szene aus der Perspektive der Betroffenen schreiben zu können, von Gefühlen und ihren Konsequenzen zu berichten. Der Nachteil ist, dass es ein bisschen peinlich ist. Was, wenn meine Mutter das lesen würde?