Der Vorsitzende Richter sagt: "So", und stapelt ein paar Akten übereinander, "dann wären wir hier durch. Nach der deutschen Prozessordnung hat der Angeklagte das letzte Wort. Möchten Sie noch etwas sagen?" Mohammad A. H. nickt.

Es ist kurz vor der Mittagspause. Der Staatsanwalt, die Vertreterinnen der Nebenklage und die Verteidiger haben ihre Plädoyers gehalten, nach der Pause wird der Vorsitzende das Urteil verkünden. Mohammad A. H. dreht sich zur Übersetzerin. Sie sitzt neben dem rechteckigen, oberhalb der hüfthohen Brüstung aus einem schmiedeeisernen Gitter geformten Kasten, der im Saal 501 des Berliner Landgerichts die Anklagebank umschließt. Leise beginnt er auf Arabisch zu sprechen. Während des gesamten Prozesses war aus seinem Mund kein Wort zu hören, bisweilen war er nicht einmal zu sehen.

Minutenlang ließ er seinen Oberkörper so tief nach vorn fallen, dass er hinter dem hölzernen Unterteil des Kastens völlig verschwand, was den Gerichtsdiener veranlasste, sich immer mal wieder über die Brüstung zu beugen und nachzuschauen, was mit dem Angeklagten los ist. Ob er ohnmächtig geworden oder eingeschlafen war. Dieses embryonal gekrümmte Sitzen schien die haltlose Existenz eines Menschen abzubilden, der nie gefestigt in die Welt gefunden hatte.

Nicht in den ersten 29 Lebensjahren in Damaskus, wo er mit 13 Geschwistern einer syrischen Familie aufwuchs, den Wehrdienst und eine Elektrikerlehre absolvierte. Nicht in den anschließenden 20 Jahren in Deutschland. Sie bestanden aus Sozialhilfe und, so darf man annehmen, gelegentlicher Schwarzarbeit. Im Wesentlichen aber aus einer zermürbenden, sich von Trennung zu Trennung, von Versöhnung zu Versöhnung kämpfenden Ehe, die bei Mohammad A. H. maßlose Eifersucht und Kontrollsucht hervorbrachte. Er wurde von seinen Obsessionen verschlungen wie ein Nichtschwimmer von Ozeanwellen.

"Ich möchte sagen, dass diese Sache nicht meine Absicht war", gibt die Übersetzerin in etwas ungelenkem Deutsch wieder, "und ich sie nicht verschuldet habe." Die zwei Verteidiger schauen regungslos in die Luft. Erfreut können sie nicht sein. Gerade haben sie ihre Plädoyers auf der wackligen These errichtet, der Hauptantrieb des Mordes, den der 49-jährige Mohammad A. H. an seiner Ex-Frau beging, sei panische Furcht gewesen, seine Vaterrolle an ihren Liebhaber abzugeben und die vier gemeinsamen Kinder aus den Augen zu verlieren. Nun erwähnt er die Kinder mit keiner Silbe. Spricht nicht von Reue, ihnen die Mutter genommen zu haben. Redet von sich. Davon, "diese Sache" nicht beabsichtigt zu haben, was die Beweisaufnahme gründlich widerlegt hat. Sie lässt nur einen Schluss zu: Mohammad A. H. handelte mit entschiedenem Tötungsvorsatz.

Am 5. Dezember 2017 erdrosselte er die 44-jährige Daniela A. H. um die Mittagszeit in ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg. Seit zehn Jahren lebten sie getrennt. Seit zehn Jahren glich ihr Kontakt einer Achterbahnfahrt. Auf kurze Strecken plötzlicher Verliebtheit folgten lange, in denen Daniela ihn nur noch los werden wollte. Mal ängstigte sie die stalkerhafte Überwachung des "Psycho", wie sie ihn gegenüber Freundinnen nannte, mal lag sie mit ihm im Bett. Seit zehn Jahren war er besessen von dem Gedanken, sie fände an anderen Männern Gefallen und diese an ihr.

Dann wurde der Albtraum Realität. Drei Tage vor dem Mord begegnete Mohammad A. H. Danielas neuem Liebhaber, einem türkischen Fußballtrainer, auf der Straße. Er sah zu, wie seine Söhne von dem attraktiven Türken ins Auto geladen und zum Fußballplatz mitgenommen wurden. Zwei Tage vor dem Mord fand er auf dem Smartphone seiner jüngsten Tochter aufreizende Nacktfotos von Daniela. Sie waren versehentlich dort gelandet. Aufgenommen, wie Mohammad A. H. folgerte, für den Türken. Er konnte nicht ertragen, dass die einzige Frau, mit der er je geschlafen hatte, mit einem anderen schlief.

Mohammad A. H. wusste, dass die Kinder – das jüngste acht, das älteste fünfzehn Jahre alt – in der Schule waren, als er mit einem heimlich angefertigten Nachschlüssel in Danielas Wohnung eindrang. Es kam zum Streit wegen der Fotos. Das räumt Mohammad A. H. ein. An mehr könne er sich, so seine Verteidiger, nicht erinnern. Er muss Daniela einen heftigen Schlag gegen den Kopf versetzt, ihr dann von hinten einen elastischen Gegenstand, vermutlich eine Kinderstrumpfhose, um den Hals gelegt und sie mit massiver, nicht nachlassender Kraft gewürgt haben; mindestens fünf Minuten lang. Einhellig erklären der Gerichtsmediziner und ein Arzt der Berliner Charité, wo Daniela am 8. Dezember 2017 verstarb, selten so starke Einblutungen im Gesicht und im Gehirn eines strangulierten Menschen gesehen zu haben. "Da hat jemand ganze Arbeit geleistet, wenn ich das mal so salopp formulieren darf", fasst der Gerichtsmediziner seinen Bericht zusammen.