Andreas Pfaffenbichler schnauft im niedrigen Gang den Berg hinauf. Seine breiten Mountainbike-Reifen arbeiten sich über den Asphalt. Sein Ziel: der Buchberg, eine kleine Erhebung am Rande des oberösterreichischen Attersees. Der 56-Jährige radelt an einer Gruppe Wanderer vorbei, grüßt freundlich. Der Asphalt wird zu Schotter, die Straße zu einem privaten Forstweg. Weit und breit ist niemand mehr zu sehen. Plötzlich ein Verbotsschild: "Für Fahrräder gesperrt". Der drahtige Sportler tritt fester in die Pedale und braust daran vorbei. Wenn Andreas Pfaffenbichler einen Fahrradausflug macht, dann tut er das fast immer illegal.

Auf den meisten Forststraßen Österreichs ist Mountainbiken verboten. Laut Paragraf 33 des Österreichischen Forstgesetzes ist zwar das Betreten der Wälder zu Erholungszwecken erlaubt, das Befahren mit Fahrrädern jedoch nicht. Benutzen darf man sein Mountainbike nur dort, wo es Grundbesitzer ausdrücklich erlauben. Abseits von Tourismusregionen und den Forststraßen der Bundesforste ist das kaum der Fall. Der Gesetzestext wurde 1975 formuliert, als das Mountainbike in Österreich noch gar kein Thema war. Heute gibt es mindestens 120.000 aktive Mountainbiker, etwa 800.000 Österreicher haben ein geländegängiges Fahrrad zu Hause stehen.

Österreich ist mit seinem strengen Radlergesetz eine Ausnahme in der Alpenregion: In Bayern, Italien oder der Schweiz finden Sportler mit ihrem Drahtesel generell offene Schranken. Anders in Österreich, wo Forststraßen und Wanderwege zu 80 Prozent in privater Hand sind. Die Grundbesitzer dürfen hierzulande selbst entscheiden, ob sie Radler in ihrem Wald dulden. Wer mit seinem Fahrrad abseits des genehmigten Streckennetzes unterwegs ist, riskiert saftige Geldstrafen von bis zu 750 Euro und sieht sich mitunter sogar mit zivilrechtlichen Verfahren konfrontiert.

Die Fronten im Wald verhärteten sich in den vergangenen Jahren immer mehr. Einzelne Jäger und Förster stellten mitunter sogar gefährliche Fallen auf, um die illegalen Mountainbiker zu verschrecken. Kürzlich spannte ein oberösterreichischer Jäger einen Eisendraht über einen Waldweg in seinem Revier in Neukirchen an der Enknach. Im steirischen Bärental platzierten Unbekannte eine Nagelfalle, um Reifen aufzuschlitzen. Manche Grundbesitzer bezahlen sogar Security-Mitarbeiter, um Mountainbiker auf beliebten Strecken aufzuhalten und zu verwarnen.

Seit Jahren setzen sich Mountainbiker daher für die Legalisierung ihres Sports ein. "Wir müssen diese umweltschonende Sportart endlich entkriminalisieren", fordert der Steyrer Pfaffenbichler, Mountainbike-Aktivist und Präsident des Vereins Upmove. Seit ein paar Jahren organisiert seine Gruppe sogenannte Trutzpartien: Auf verbotenen Forststraßen schieben die Sportler ihre Mountainbikes den Berg hinauf – in Scharen von Hunderten Bikern wollen sie so für ihr Hobby kämpfen. Das Schieben der Fahrräder mache die Absurdität der gegenwärtigen Gesetzeslage deutlich, sagt Pfaffenbichler – schließlich könne es nicht verboten werden. Vorbild dieser Biker-Demos sind jene Trutzpartien, mit denen vor mehr als hundert Jahren Wanderer, Bergsteiger und Erholungssuchende begonnen hatten, dem Adel, den Jägern und den Grundbesitzern zu trotzen.

"Rotzpartien" nennt Großgrundbesitzer Felix Montecuccoli diese Aktionen der Radler. Der Forstwirt vertritt als Präsident des Verbandes Land und Forst die Interessen der Großgrundbesitzer. Montecuccoli bewirtschaftet in Niederösterreich selbst fast 960 Hektar Waldfläche. Auf den meisten seiner Forststraßen ist Mountainbiken nicht erlaubt. Er zählt auf, weswegen er die Radler in seinen Wäldern nicht dulden will: Der Fahrradfahrer sei eine Belastung für das Ökosystem Wald. Wenn die Mountainbiker mit angezogenen Bremsen steile Straßen hinunterdüsen, habe er mit Schäden an seinen Wegen zu kämpfen. Bei Unfällen sei die Haftungsfrage ungeklärt. Zum Schluss vergleicht er illegale Radler sogar mit den Randalierern beim G20-Gipfel in Hamburg. Und überhaupt: "Sportarten entwickeln sich und gehen wieder. Grundeigentümer müssen nicht jede neue Sportart sofort dulden."

Nicht nur Grundeigentümer, sondern auch Jäger und Förster fühlen sich von den selbstbewussten Radlern gestört. Unten am Attersee trinkt der oberösterreichische Landesjägermeister Sepp Brandmayr einen Schluck Verlängerten und blickt auf einen Jagdgrund am gegenüberliegenden Ufer. Der 63-Jährige im grün-weiß karierten Hemd erzählt ruhig und besonnen. Gegen Wanderer im Wald habe er nichts einzuwenden, beim Thema Mountainbike sei es anders. Während Rehe und Gämsen die Schritte eines sich nähernden Wanderers hören könnten, würde ein schneller Mountainbiker das Wild verschrecken. Die Tiere würden sich dann in junge Baumkulturen verbeißen, würden an Knospen und Keimlingen knabbern. Für die Schäden müssten Jäger und Förster aufkommen. "Wenn alle Wege freigegeben werden, fühlen sich die Wildtiere gestört", sagt Brandmayr.

Die Mountainbike-Aktivisten halten diese und ähnliche Argumente für vorgeschoben. Auch Naturschutzverbände wie der Österreichische Alpenverein oder die Naturfreunde können der Argumentation nicht folgen. "In hundertfachen Studien wurde belegt, dass wiederkehrende Störungen entlang eines Weges zu Gewöhnungseffekten beim Wild führen und daher überhaupt kein Problem darstellen", sagt Peter Kapelari vom Österreichischen Alpenverein. "Forstwege, die mit tonnenschweren Lkw befahren werden, sollten auch mit Fahrrädern befahren werden dürfen."