US-Manöver im Jahr 1942: Notfalls wollte man den Panamakanal mit Giftgas verteidigen. © Keystone/Getty Images

Das ockergelbe Gebäude ist ein gewaltiger Klotz in der Landschaft. Ein doppeltes Wildbad Kreuth der Tropen, betrieben von der spanischen Hotelkette Meliá. Hinter den Seitenarmen des vierstöckigen Komplexes führt ein Park sanft zum Gatún-See hin, der beim Bau des Panamakanals aufgestaut wurde. Im Foyer erklingen Beethoven-Sonaten ohne Pianisten aus einem schwarzen Flügel; in den Boden ist eine imposante Windrose aus Marmor eingelassen. Sie ähnelt dem aus Politkrimis vertrauten Emblem in der Eingangshalle der CIA. Darüber erstrahlt eine Glaskuppel in den Farben aller lateinamerikanischen Flaggen. Die Hotelgäste können Ausflüge buchen: Kanu- und Bootsfahrten auf dem Gatún-See, auf dem Panamakanal, Besuche eines Indio-Reservats, Extrem-Abenteuer in "Tarzans Welt".

Tarzane waren schon früher hier, wenn auch aus einer anderen Welt. Hinter den Mauern der heutigen Tourismus-Anlage nahe der Kanalmündung bei Colón saßen über Jahrzehnte zu allem bereite Abenteurer auf amerikanischen Schulbänken. Das 1936 errichtete Gebäude diente von 1949 bis 1984 als militärisches Ausbildungszentrum der U. S. Army School of the Americas, spanisch Escuela de las Américas oder – wie sie ihre Kritiker nannten – "Escuela de Asesinos", Mörderschule. Zu den Graduierten zählten viele spätere Putschgenerale und Folterspezialisten in Pinochets Chile, in Argentinien, Guatemala und anderen Militärdiktaturen. In den 35 Jahren ihres Bestehens durchliefen die Schule im Fort Gulick 29.000 Absolventen. Gelehrt wurden politische Führung, Vernehmungstechniken, Foltermethoden, Aufstandsbekämpfung.

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Diese Schattenwelt unterstand dem Southcom, dem Südlichen Kommando der USA. Zwölf Generale befehligten die Elitetruppen auf dem Isthmus, dem bis zu 60 Kilometer schmalen Landstreifen, der Mittel- und Lateinamerika verbindet. Und die "Escuela de Asesinos" war nicht ihr einziges Projekt in Panama, einer vormaligen Provinz Kolumbiens, der die USA 1903 durch einen von Washington geförderten Putsch zur Abtrennung und zur Republik verhalfen, um den Kanal zu bauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg rüstete das Pentagon den Isthmus zu einem Horchposten für ganz Lateinamerika auf, zur Leitstelle der militärischen "Ordnungspolitik" für den südlichen Subkontinent. Dazu kamen jahrzehntelang Tests von Chemiewaffen aller Art.

Über die Rechte, die der 1903 geschlossene Kanalvertrag den USA zum Schutz des Wasserwegs eingeräumt hatte, ging dies weit hinaus: Die Amerikaner operierten von Panamas Boden aus abseits der Legalität – und weitgehend ohne Wissen der Öffentlichkeit. Bis heute wird darüber nur ungern gesprochen. Und bis heute ist es bei Ankündigungen geblieben, den Boden zu dekontaminieren. Tausende mit Senfgas, Phosgen-Gas oder Sarin gefüllte Projektile und Minen sind hier über Jahrzehnte zu Versuchszwecken verschossen worden. Panama und seine Geschichte sind noch immer nicht entgiftet. Auch das malerisch gelegene Hotel Meliá erinnert daran.

In seinen Sälen erhielten einige der schlimmsten Menschenrechtsverbrecher des Kalten Krieges ihre Instruktionen. Roberto Eduardo Viola etwa, 1981 De-facto-Präsident der Militärjunta Argentiniens, 1983 wegen Mord und Folter verurteilt. Oder Domingo Monterrosa, der 1981 in El Salvador beim Massaker an fast 800 Zivilisten im Kanton El Mozote das Batallón Atlácatl befehligte. Die Tat gilt als größtes Kriegsverbrechen Mittelamerikas. 1989 folgte die Ermordung der Jesuiten-Padres, die in El Salvador die Zentralamerikanische Universität leiteten, durch dieselbe Eliteeinheit.

Über ein abhörsicheres Telefonsystem liefen in Fort Gulick während der Siebzigerjahre außerdem die Fäden der Operation Condor zusammen, eines Verbundes der Geheimdienste Argentiniens, Chiles, Boliviens, Brasiliens, Paraguays und Uruguays, aktiv unterstützt von den USA, insbesondere durch Außenminister Henry Kissinger. Die Aktionen der Operation Condor richteten sich gegen politische Gegner in den Nachbarstaaten, gegen Priester, Gewerkschafter, Menschenrechtler. Viele von ihnen wurden verfolgt und ermordet; andere verschwanden spurlos.

Tarzans Dschungelcamp befand sich auf der anderen Seite des Kanals. Das frühere Fort Sherman mit dem ehemaligen Jungle Operation Training Center (JOTC) ist, gut zwei Autostunden von Panama-Stadt entfernt, auch heute noch schwer zu erreichen. Es existierte schon zur Zeit des Koreakrieges in den Fünfzigerjahren. Größere Bedeutung erlangte es nach dem Eingreifen der USA in Vietnam 1964. Für die Nah- und Dschungelkampf-Einsätze wurde in der Kanalzone sogar ein vietnamesisches Bauerndorf als fiktiver Hinterhalt nachgebaut. Noch 1998, im letzten Jahr vor der Übergabe des Kanals in die Hoheit Panamas, verließen 9000 frisch ausgebildete Dschungelkämpfer das Camp. Am 30. Juni 1999 wurde das Sternenbanner eingeholt.

Das von den Chemiewaffentests am schwersten betroffene Gebiet war, zwischen 1944 und 1948, San José im Pazifik, das zweitgrößte Eiland im Archipel der dreißig Perlen-Inseln 80 Kilometer vor der Mündung des Panamakanals. Während des Zweiten Weltkriegs beteiligten sich auch Briten und Kanadier an den Versuchen. Noch immer ist der nördliche Teil dieser Insel – weiße Sandstrände, smaragdgrünes Meer – gesperrt, weil von Blindgängern oder vergrabenen Kampfstoffresten Gefahren drohen.