Das ockergelbe Gebäude ist ein gewaltiger Klotz in der Landschaft. Ein doppeltes Wildbad Kreuth der Tropen, betrieben von der spanischen Hotelkette Meliá. Hinter den Seitenarmen des vierstöckigen Komplexes führt ein Park sanft zum Gatún-See hin, der beim Bau des Panamakanals aufgestaut wurde. Im Foyer erklingen Beethoven-Sonaten ohne Pianisten aus einem schwarzen Flügel; in den Boden ist eine imposante Windrose aus Marmor eingelassen. Sie ähnelt dem aus Politkrimis vertrauten Emblem in der Eingangshalle der CIA. Darüber erstrahlt eine Glaskuppel in den Farben aller lateinamerikanischen Flaggen. Die Hotelgäste können Ausflüge buchen: Kanu- und Bootsfahrten auf dem Gatún-See, auf dem Panamakanal, Besuche eines Indio-Reservats, Extrem-Abenteuer in "Tarzans Welt".

Tarzane waren schon früher hier, wenn auch aus einer anderen Welt. Hinter den Mauern der heutigen Tourismus-Anlage nahe der Kanalmündung bei Colón saßen über Jahrzehnte zu allem bereite Abenteurer auf amerikanischen Schulbänken. Das 1936 errichtete Gebäude diente von 1949 bis 1984 als militärisches Ausbildungszentrum der U. S. Army School of the Americas, spanisch Escuela de las Américas oder – wie sie ihre Kritiker nannten – "Escuela de Asesinos", Mörderschule. Zu den Graduierten zählten viele spätere Putschgenerale und Folterspezialisten in Pinochets Chile, in Argentinien, Guatemala und anderen Militärdiktaturen. In den 35 Jahren ihres Bestehens durchliefen die Schule im Fort Gulick 29.000 Absolventen. Gelehrt wurden politische Führung, Vernehmungstechniken, Foltermethoden, Aufstandsbekämpfung.

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Diese Schattenwelt unterstand dem Southcom, dem Südlichen Kommando der USA. Zwölf Generale befehligten die Elitetruppen auf dem Isthmus, dem bis zu 60 Kilometer schmalen Landstreifen, der Mittel- und Lateinamerika verbindet. Und die "Escuela de Asesinos" war nicht ihr einziges Projekt in Panama, einer vormaligen Provinz Kolumbiens, der die USA 1903 durch einen von Washington geförderten Putsch zur Abtrennung und zur Republik verhalfen, um den Kanal zu bauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg rüstete das Pentagon den Isthmus zu einem Horchposten für ganz Lateinamerika auf, zur Leitstelle der militärischen "Ordnungspolitik" für den südlichen Subkontinent. Dazu kamen jahrzehntelang Tests von Chemiewaffen aller Art.

Über die Rechte, die der 1903 geschlossene Kanalvertrag den USA zum Schutz des Wasserwegs eingeräumt hatte, ging dies weit hinaus: Die Amerikaner operierten von Panamas Boden aus abseits der Legalität – und weitgehend ohne Wissen der Öffentlichkeit. Bis heute wird darüber nur ungern gesprochen. Und bis heute ist es bei Ankündigungen geblieben, den Boden zu dekontaminieren. Tausende mit Senfgas, Phosgen-Gas oder Sarin gefüllte Projektile und Minen sind hier über Jahrzehnte zu Versuchszwecken verschossen worden. Panama und seine Geschichte sind noch immer nicht entgiftet. Auch das malerisch gelegene Hotel Meliá erinnert daran.

In seinen Sälen erhielten einige der schlimmsten Menschenrechtsverbrecher des Kalten Krieges ihre Instruktionen. Roberto Eduardo Viola etwa, 1981 De-facto-Präsident der Militärjunta Argentiniens, 1983 wegen Mord und Folter verurteilt. Oder Domingo Monterrosa, der 1981 in El Salvador beim Massaker an fast 800 Zivilisten im Kanton El Mozote das Batallón Atlácatl befehligte. Die Tat gilt als größtes Kriegsverbrechen Mittelamerikas. 1989 folgte die Ermordung der Jesuiten-Padres, die in El Salvador die Zentralamerikanische Universität leiteten, durch dieselbe Eliteeinheit.

Über ein abhörsicheres Telefonsystem liefen in Fort Gulick während der Siebzigerjahre außerdem die Fäden der Operation Condor zusammen, eines Verbundes der Geheimdienste Argentiniens, Chiles, Boliviens, Brasiliens, Paraguays und Uruguays, aktiv unterstützt von den USA, insbesondere durch Außenminister Henry Kissinger. Die Aktionen der Operation Condor richteten sich gegen politische Gegner in den Nachbarstaaten, gegen Priester, Gewerkschafter, Menschenrechtler. Viele von ihnen wurden verfolgt und ermordet; andere verschwanden spurlos.

Tarzans Dschungelcamp befand sich auf der anderen Seite des Kanals. Das frühere Fort Sherman mit dem ehemaligen Jungle Operation Training Center (JOTC) ist, gut zwei Autostunden von Panama-Stadt entfernt, auch heute noch schwer zu erreichen. Es existierte schon zur Zeit des Koreakrieges in den Fünfzigerjahren. Größere Bedeutung erlangte es nach dem Eingreifen der USA in Vietnam 1964. Für die Nah- und Dschungelkampf-Einsätze wurde in der Kanalzone sogar ein vietnamesisches Bauerndorf als fiktiver Hinterhalt nachgebaut. Noch 1998, im letzten Jahr vor der Übergabe des Kanals in die Hoheit Panamas, verließen 9000 frisch ausgebildete Dschungelkämpfer das Camp. Am 30. Juni 1999 wurde das Sternenbanner eingeholt.

Das von den Chemiewaffentests am schwersten betroffene Gebiet war, zwischen 1944 und 1948, San José im Pazifik, das zweitgrößte Eiland im Archipel der dreißig Perlen-Inseln 80 Kilometer vor der Mündung des Panamakanals. Während des Zweiten Weltkriegs beteiligten sich auch Briten und Kanadier an den Versuchen. Noch immer ist der nördliche Teil dieser Insel – weiße Sandstrände, smaragdgrünes Meer – gesperrt, weil von Blindgängern oder vergrabenen Kampfstoffresten Gefahren drohen.

Senfgas und Napalm aus Flammenwerfern

Von Beginn der Zwanzigerjahre an hatten die USA Chemiewaffen für die Verteidigung des gerade fertiggestellten Panamakanals in Betracht gezogen. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 wuchs die Angst: Was, wenn japanische Kamikaze-Truppen den Wasserweg attackieren? Im Herbst 1943 erkundete Oberst Robert McLeod von der Chemiewaffen-Einheit der US-Armee die Küsten von Costa Rica, den Galapagosinseln, Peru, Nicaragua und Panama auf der Suche nach einem geeigneten Testgebiet für C-Waffen unter tropischen Bedingungen. McLeod und seine Experten entschieden sich für die idyllische Insel in der Bucht von Panama.

Am 6. Januar 1944 nahmen Ingenieure, Techniker und Militärs das unbewohnte Eiland in Besitz. Sie bauten eine Landebahn, Straßen, Baracken und ein Kino für die Soldaten, über deren Feldbetten Gasmasken baumelten. Ziele wurden abgesteckt, mit Mörsergranaten beschossen und aus der Luft bombardiert. Das Armed Forces Chemical Journal verzeichnete 1948 mehr als 130 Tests mit Senfgas, Chlorcyan und Butan, mit Napalm aus Flammenwerfern und mit Blausäure.

Als sich die Regierungen beider Länder im Dezember 1947 darauf einigten, dass die Manövergelände auf der Insel den USA für weitere zehn Jahre überlassen werden sollen, kam es in Panama-Stadt zu tagelangen Demonstrationen mit brachialen Polizeieinsätzen und vielen Verletzten. Bis schließlich Tausende Frauen zum Parlament marschierten: Sie erreichten, dass die Abgeordneten gegen die Übereinkunft votierten.

Den Amerikanern blieben fünf Wochen, um San José zu verlassen. "Das Lager wurde aufgelöst, wie man von einer wilden Party aufbricht, ohne sich um den Müll zu kümmern", schrieb der argentinische Journalist Guido Bilbao, der lange in Panama lebte. Das Ende des Tests in Panama bedeutete dies keineswegs: Ein Teil der Munition ging von der Insel in die Kanalzone; Schiffsladungen mit weiteren Kampfstoffen ergänzten die Bestände. Fort Sherman bekam eine Giftmülldeponie; in der Kanalzone nahe dem Armenviertel Curundú führte die US-Armee während der Fünfzigerjahre mehr als ein Dutzend Senfgastests durch.

Im folgenden Jahrzehnt wurde dann ein neues chemisches Gift getestet, das in großen Mengen nach Panama kam: Agent Orange. Die USA setzten das Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg ein, wohl wissend, dass es TCDD enthielt, das giftigste aller Dioxine.

Die Tests in Panama waren geheim, weshalb sich das zuständige Kommando ahnungslos gab. 1999 jedoch bestätigte der pensionierte Armee-Major Charles A. Bartlett, der in den Sechzigerjahren das Forschungs- und Entwicklungsprogramm für Agent Orange geleitet hatte, die Versuche. "Hunderte von Fässern" seien seit Anfang der Sechzigerjahre nach Panama verschifft worden.

Nach Angaben einer der vielen durch das Gift erkrankten Armeeveteranen und mehrerer Zeugen wurde Agent Orange unter anderem über einem Bombenabwurfgelände bei Fort Sherman versprüht. Das Areal lag nahe einem Erholungsgebiet am Gatún-See, aus dem Panama-Stadt sein Trinkwasser bezieht. Sollte tatsächlich Agent Orange verwendet worden sein, ließ der Sprecher des Südlichen Kommandos daraufhin wissen, "würde davon heute keine Bedrohung mehr ausgehen, weil es sich jetzt verflüchtigt haben müsste". Eine zynische Fehlinformation: Die verheerenden Folgen und Spätfolgen des TCDD – Halbwertzeit: 100 Jahre! – waren den Herstellern schon vor dem Vietnamkrieg bekannt gewesen. Nach Arbeitsunfällen bei Dow und Monsanto hatten die Firmen einander gegenseitig gewarnt.

1977 einigten sich US-Präsident Jimmy Carter und Panamas Machthaber Omar Torrijos darauf, dass der Kanal 1999 in Panamas Hoheit übergehen soll. In den Verträgen verpflichteten sich die USA, auf den Stützpunkten und Übungsplätzen alle Gefahren für Leben, Gesundheit und Sicherheit zu beseitigen. In den Jahren vor der Übergabe des Kanals versicherten die Militärsprecher und Regierungsvertreter der USA denn auch, dass dies geschehen sei. Eine glatte Lüge: Funde von Giftgasbomben, explodierende Munition, die Menschen tötete oder verletzte, Verätzungen durch undichte Behälter sowie die Untersuchungsberichte der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen widerlegten die Beteuerungen.

Immer wieder drang Panama auf zusätzliche Dekontaminierungen und Entschädigungen, zunächst vorsichtig, dann entschlossener – auch um seine volle Souveränität zu demonstrieren. 1997 lud das Pentagon schließlich eine Gruppe panamaischer Politiker und Umweltexperten ein. Auf einer Exkursion in die Umgebung von San Francisco führte man ihnen vor, wie Experten ein verseuchtes Gebiet dekontaminierten. Im Verteidigungsministerium empfing man sie geradezu feierlich. Generale, Admirale und Spezialisten der NSA legten dar, was die USA bereits alles an Entsorgungen unternommen hätten.

Die Folgen der ausgebliebenen Säuberung

Danach schenkte man den Gästen reinen Wein ein: Sollten die USA tatsächlich tun, was Panama verlange – sämtliche Waffenrückstände zu beseitigen –, dann würden die Philippinen, Costa Rica, Saudi-Arabien, Afghanistan, Deutschland, Südkorea, Japan und viele Länder mehr ähnliche Forderungen erheben. Das könne man sich, ganz offen gesagt, nicht leisten. Und das wäre auch nie durch den Kongress zu bekommen. Der Vertrag von 1977 öffnete eine entsprechende Hintertür durch den Satz "insofar as may be practicable". Mit dieser "Machbarkeits"-Klausel wiesen die USA in vielen Fällen ihre Verpflichtungen zurück.

Dabei war man sich über das Ausmaß der Verseuchung durchaus bewusst. Allein auf der Feuerzone Balboa West Range lagen einem US-Bericht zufolge damals noch mehr als 50.000 Blindgänger. Doch für eine Räumung, hieß es, müssten Bäume gefällt und Dschungelvegetation verbrannt werden, was die Umwelt der Areale zerstöre und die Erosion verstärke, die wiederum den Betrieb des Kanals beeinträchtigen würde. Als Panamas Regierung auf neuere Methoden der Dekontaminierung verwies und der damalige Außenminister Jorge Ritter eine entsprechende, von Washington finanzierte Studie erbat, beschied ihm der US-Botschafter: Es stehe Panama frei, eine eigene Studie zu finanzieren.

Im September 1999 sprach die neu gewählte Präsidentin Mireya Moscoso die Versäumnisse der USA vor den Vereinten Nationen an. Abermals ohne Erfolg. Ein Jahr später wandte sich Außenminister José Miguel Alemán an UN-Generalsekretär Kofi Annan mit der Bitte um Vermittlung: "Panama kann die von den Vereinigten Staaten in dieser Sache gezeigte Verantwortungslosigkeit nicht hinnehmen, zumal wir technische Auswertungen besitzen, die uns bestätigen, dass eine Säuberung dieser Areale machbar ist, die die biologische Vielfalt nicht beeinträchtigen und die Wälder nicht schädigen wird."

Als auch das nichts half, bewog Panama die UN-Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) zu einer Inspektion auf San José. Im Juli 2001 fanden deren Experten dort vier scharfe Senfgasbomben und mehr als hundert andere chemische Sprengsätze. Sie kamen zu dem Urteil, dass weitere Blindgänger in beträchtlicher Anzahl auf der Insel verblieben seien.

Eine Stellungnahme der US-Regierung zu den Ermittlungen der OPCW blieb aus, dafür musste deren Direktor auf Betreiben der Amerikaner wenig später gehen. Die Botschafterin der USA in Panama, Linda Watt, ließ Präsidentin Moscoso wissen, dass die Säuberung der Militärbasen nicht zur Debatte stehe; immerhin stehe ja auch noch ein Freihandelsabkommen mit den USA an, auf das Panamas Führung sicher nicht verzichten wolle. Im August 2002 boten die USA dann doch zwei Millionen Dollar an Ausrüstungen und Ausbildung zur Dekontaminierung von San José an – allerdings unter der Bedingung, dass die Republik danach keine weiteren Ansprüche mehr erheben würde. Unter dieser Voraussetzung musste Außenminister Harmodio Arias die Offerte ablehnen.

Was vor allem Ökologen, aber auch Mediziner besorgt, sind die nicht einzuschätzenden gesundheitlichen Folgen der ausgebliebenen Kampfmittelbeseitigung. "Wir sind kein Industrieland, und doch gibt es bestimmte Orte, wo auffällig viele Tumoren diagnostiziert werden", sagt Rodrigo Noriega, ein an der Universität von Yale promovierter Jurist vom Zentrum für Umweltvorfälle. Auffällig findet Noriega unter anderem die überdurchschnittlich hohe Zahl von onkologischen Erkrankungen in Río Hato. Das heutige Touristenziel an der Bucht von Panama war eine US-Luftwaffen-Basis und der größte Militärstützpunkt außerhalb der Kanalzone. Die Air Base diente unter anderem als Munitionslager für die Insel San José. Bis 1971 gab es auf dem Gelände Übungen mit Explosivstoffen und ein Depot zur Lagerung von Senfgas.

Um Zusammenhänge zwischen der militärischen Erblast und erhöhten Krebsraten fundierter untersuchen zu können, fehlen indes Erfahrung und Unterlagen. Panama hat keine nationale Strategie gegen den Krebs, wie die Weltgesundheitsorganisation in einer Untersuchung über die Krebsbekämpfung in Lateinamerika urteilt.

"Wir besitzen keinerlei Informationen, weder über die Zahl der Munitionsstücke noch darüber, in welchem Zustand sie sind", sagt Anna Elena Porras, Anthropologin und Enkelin des einstigen Präsidenten Belisario Porras, der 1914 den Panamakanal eröffnete. Immer wieder werden alte Granaten in nächster Nähe von Siedlungen gefunden. Aussagen von US-Veteranen, die 2015 vor amerikanischen Gerichten klagten, enthalten Hinweise auf bisher unentdeckte, möglicherweise noch kontaminierte Gelände.

Zuletzt förderten die 2016 abgeschlossenen Arbeiten zur Erweiterung des Kanals auf einem ehemaligen Übungsgelände Blindgänger in größerer Menge zutage. Zum Glück gab es keine Verletzten. Die gefundenen Explosivstoffe wurden kontrolliert gesprengt, die Detonationen für das Archiv der Kanalverwaltung gefilmt. Mehr kam nicht ans Tageslicht. So wie seit Jahrzehnten. Das verseuchte Testgebiet deckten die Ingenieure danach kurzerhand zu – mit der für die Kanalerweiterung ausgeschachteten Erde.