Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Der nach Hamburg übersiedelte italienische Spitzenkoch Matteo Ferrantino nimmt Gäste gern in seine Kindheit mit. Sein Menü beginnt mit einer Gourmetvariante der Stulle, die seine Mutter ihm einst mit in die Schule gab. Da ist es lustig, wenn man sieht, wer da groß und breit eine Filiale neben seinem Bianc errichtet: Mama. Nicht seine, sondern die hiesige Pizza-Pasta-Kette. Aber so leicht gibt Ferrantino sich nicht geschlagen. Wiederum eine Tür weiter hat vor wenigen Wochen sein Zweitrestaurant Picnic eröffnet.

Ganz neu ist es streng genommen nicht. Vorher war hier das Bistro Bianchini, doch das lief offenbar nicht besonders. Nun aber strahlt alles neu. Die Architektin Julia Erdmann ist in die Vollen gegangen. Der Gast hat die Wahl zwischen drei sehr unterschiedlichen Bereichen. Vorn lachen einen Barhocker in den Primärfarben an. Vielleicht wird hier ja das Kindheitsthema weitergeführt. Hinten erinnert eine Menge Grünzeug daran, dass frisch gekocht wird. Und lenkt nebenbei von der hässlichen Hauptstraße hinter dieser Fensterfront ab.

Aber jetzt im Sommer sitzen ohnehin die meisten auf den Sofas und Gartenstühlen vor der Tür. Die Magellan-Terrassen, wie will man sie nennen? Herz der HafenCity, das wäre wohl ein bisschen dick aufgetragen. Brustkorb vielleicht? Sie sind jedenfalls der Ort, an dem der neue Stadtteil den lebhaftesten Eindruck macht. Und die Küche des Picnic tut ihr Bestes, mediterranes Flair zumindest auf den Gaumen zu bringen.

So sieht Brotzeit in der HafenCity aus. © Bettina Theuerkauf für DIE ZEIT

Wie der Name schon sagt, geht es um Einfachheit: Snacks, belegte Brote, ein paar schnelle Gerichte aus dem Ofen. Aber eben hausgemacht mit den Waren aus dem Gourmetrestaurant. Bestes Beispiel: die gemischten Tapas, die eigentlich gar keine sind. Man muss die Scheiben Focacciabrot nämlich selbst belegen – mit Tomatenstücken, marinierten Jalapeños und ausgezeichneten Anchovis. Alles wurde begossen mit Olivenöl und bestreut mit Oregano. Mehr braucht es nicht für einen perfekten Imbiss an einem warmen Tag.

Schlichter als ihr Name ist auch die Salad Bowl Emotion. Ein normaler gemischter Salat, aber heutzutage wird ja alles verbowlt. Gemischt sind auch die Emotionen, die die etwas tranigen rohen Lachsstücke auslösen.

Eine Wucht sind die Panini, nicht nur dank des würzigen, frisch gebackenen Brotes, sondern auch wegen der Beläge. Allein die Verbindung von Grillschinken und Minze überrascht. Wenn dann noch marinierte Zucchinischeiben, Senf und Ricotta dazukommen, erlebt man bei jedem Bissen die Geschmacksfülle einer ganzen Mahlzeit. So sicher kombiniert nur jemand, der mit all diesen Aromen aufgewachsen ist.

Ferrantino mag es herzhaft; und das kann er hier besser ausleben als im Bianc. Er belegt natürlich nicht selbst die Brote, das macht ein italienischer Mitarbeiter, doch die Rezepte stammen von ihm.

Beim überbackenen Oktopus mit Oliven und Paprika spürt man den Könner: Alle Aromen sind im Gleichgewicht, und die vorgegrillten Arme haben den richtigen Biss. Aber müssen sie so tief in Olivenöl schwimmen? "Das ist ein Stilmittel beim Chef", sagt Fabiola Kerzel. "Sie sollten mal unser Personal-Essen sehen."

Kerzel ist eigentlich Sommelière im Gourmetrestaurant. Hier hilft sie bloß während der Ferien aus, wie mancher ihrer Kollegen. Das ist praktisch bei der Weinbestellung, vor allem aber macht es Spaß, den überqualifizierten Service in Aktion zu sehen. Befreit von der Steifheit des Gourmetbetriebs, scherzen die Kellner miteinander, mixen Eistee, kochen Kaffee, kümmern sich rührend um desorientierte Touristen; sie sind ja selbst gerade ein wenig zu Gast.

Das Picnic ist ein Farbtupfer, den das Bianc gut vertragen kann. Jetzt müsste nur noch Signora Ferrantino die Trattoria Mama übernehmen und dafür sorgen, dass es anständige Pasta gibt.