Bevor Angela Merkel am Sonntag im Sommerinterview der ARD wieder Fragen beantworten wird, lohnt es sich, auf zwei Sätze zu schauen, die sie vor der Sommerpause sagte, als sie sich in Berlin der Hauptstadtpresse stellte. Es sei ihr sehr wichtig, "auf meine Sprache zu achten, präzise zu sein", sagte Merkel. "Ich glaube, dass es zwischen Denken, Sprechen und Handeln einen ziemlich engen Zusammenhang gibt."

Diese Sätzen waren ungewohnt offen. Denn sie lenkten den Blick auf etwas, das Merkel und ihre Leute, die für sie an Reden und Auftritten arbeiten, perfekt beherrschen: mit bestimmten Worten eine politische Debatte so zu beeinflussen, dass die Zuhörer gar nicht merken, wie sehr sie beeinflusst wurden.

"Framing" nennt man das in der politischen Kommunikation. Sinngemäß geht es darum, mit einem Schlüsselwort den Rahmen für die Debatte abzustecken. Das hört sich harmloser an, als es ist, denn Worte können auch etwas verschleiern; man kann mit ihnen falsche Fährten legen; und wenn sie geschickt gewählt sind, dann lässt sich auf ihnen ein ganzes Image aufbauen.

Merkel wird selbst von ihren Kritikern als unaufgeregt, ernsthaft und demonstrativ gelassen beschrieben. So wird sie auch am Sonntag im Fernsehen wirken. Aber könnte es sein, dass dies mit den Schlüsselbegriffen zu tun hat, die Angela Merkel benutzt – mit ihren Frames? Hier eine kleine, unvollständige Auswahl von Merkel-Frames, von denen die Kanzlerin am Sonntag bestimmt den einen oder anderen verwenden wird.

Eu|ro|pä|i|sche Lö|sung; ist der jüngste Merkel-Frame. "Europäische Lösung" ist eine Bemerkung aus jener Kategorie, wie man sie von Elternabenden aus der Schule kennt. Irgendjemand findet sich dort immer, der etwas sagt wie: "Wir müssen das Problem ganzheitlich angehen." Oder: "Wir wollen eine Lösung für alle Schüler."

Niemand wird in der Flüchtlingsfrage sagen: "Wir brauchen keine europäische Lösung." Der Merkel-Frame "europäische Lösung" klingt gut, weil "Europa" gut klingt – und "Lösung" sowieso. In diesem Frühjahr wurde die "europäische Lösung" von Merkel gegen einen anderen Begriff gestellt: die "nationale Abschottung", für die ihr Gegenspieler Horst Seehofer sei. Das war ein cleverer Schachzug der Kanzlerin. Denn so blieb Merkel in der Öffentlichkeit die wacker kämpfende, sich für Flüchtlinge und die Menschlichkeit einsetzende Kanzlerin. Doch Vorsicht, auch das kennt man von Elternabenden: Die heldenhaft für alle Schüler kämpfenden Eltern haben am Ende doch oft nur das Wohl des eigenen Kindes im Blick. So ist es bei Merkel auch: Wenn man sich ihre Flüchtlingspolitik genauer ansieht, erkennt man schnell, dass auch sie daran arbeitet, Migranten aus Deutschland fernzuhalten – nur eben nicht an der deutschen Außengrenze, sondern an den Außengrenzen Europas. Wie Horst Seehofer will auch Angela Merkel, dass niemand unkontrolliert nach Deutschland gelangt. Sie verpackt es nur besser.

Vom En|de her den|ken; mit diesem Merkel-Frame fing alles an. "Was ich sage, ist zu Ende gedacht. Morgen sage ich nicht etwas anderes", sagte sie im Mai 2000 in einem Interview. Da war sie gerade CDU-Vorsitzende geworden. Sehr schnell entstand daraus eine Zuschreibung, die sich unter Journalisten und Politikern immer weiter verselbstständigte – als Beleg dafür, dass die Kanzlerin anders an politische Entscheidungen herangehe und auch einen anderen Politikstil pflege als ihre Vorgänger. Etwas "vom Ende her denken" zu können suggeriert Gelassenheit und eine tiefe Kenntnis der Zusammenhänge. Man muss ja erst mal darauf kommen, wie "das Ende" wohl aussehen wird.

Dumm nur, dass die globalisierte Welt keine Maschine ist, bei der man ein paar Hebel drückt und dann genau weiß, was herauskommt. Aber auch das gehört zu einem guten Merkel-Frame dazu: Hat er sich erst einmal in den Köpfen festgesetzt, ist er kaum noch zu erschüttern. Selbst wenn der Anspruch, etwas "vom Ende her denken" zu wollen, womöglich nur verschleiern soll, dass man einfach sehr lange braucht, um zu einer Entscheidung zu kommen.

Auf Sicht fah|ren; wenn man nicht "vom Ende her" denken kann, weil man das Ende gar nicht kennt, muss man "auf Sicht fahren". Dieser Merkel-Frame wurde von der Kanzlerin während der Finanz- und Wirtschaftskrise geprägt – als die Probleme so kompliziert und die Ängste so groß wurden, dass "vom Ende her denken" sich anfühlte, als säße man in einem Katastrophenfilm von Roland Emmerich. "Auf Sicht fahren" klingt vertraut, vorsichtig, abwägend. Damit wollte Merkel vermitteln: Ich, liebe Bürger, bringe Sie nicht in Gefahr. Nur ist Politik eben keine Fahrt auf der Autobahn.

Sta|bi|li|täts|u|ni|on; wenn Merkel über die Zukunft der Euro-Zone spricht, dann sagt sie, sie wolle eine "Stabilitätsunion" und keine "Schuldenunion". Sie sagt das, als sei es sehr mutig. Mutig wäre allerdings, wenn ein Politiker sagen würde: "Ich will eine Schuldenunion!" Da es jemanden, der so etwas sagen würde, nicht gibt, ist der Merkel-Frame "Stabilitätsunion" ein Selbstläufer. Aber was ist eine Stabilitätsunion eigentlich? Wie kommt sie zustande? Was genau würde ihre Stabilität ausmachen? Und wie kann Merkel sicher sein, dass ihr Weg zu einer stabileren Währungsunion führen würde als andere Wege?