Das ist der Clou dieses Merkel-Frames: Niemand hinterfragt die "Stabilitätsunion". Auch im Sommerinterview wird niemand fragen: "Frau Merkel, können Sie diese Stabilitätsunion genauer beschreiben?" Denn der Begriff suggeriert, dass die Antwort so langweilig ist, dass man sie gar nicht hören will. Es gibt Hollywoodstars, die – um für Paparazzi uninteressant zu werden – jeden Tag das gleiche Outfit tragen. "Stabilitätsunion" ist so ein Outfit.

Wett|be|werbs|fäh|ig|keit; Merkel spricht davon seit dem Ausbruch der Euro-Krise, als erst Griechenland und später auch Spanien, Italien und Portugal in Schwierigkeiten gerieten. Diese Länder müssten, so Merkel, an ihrer "Wettbewerbsfähigkeit" arbeiten.Dahinter verbirgt sich ein Trick, der ganz unauffällig auf niedere Instinkte abzielt. Stellen Sie sich vor, Sie gehen noch zur Schule. Stellen Sie sich weiter vor, es sind Bundesjugendspiele. Sie selbst sind ganz gut und bekommen wahrscheinlich eine Ehrenurkunde. Doch es gibt ein paar Kinder, die nicht sehr sportlich sind. Sie werfen schief, sie laufen langsam. Der Sportlehrer, eine Trillerpfeife baumelt um seinen Hals, in der Hand hat er ein Klemmbrett, schaut Sie an, verdreht die Augen und sagt: "Die sind nicht wettbewerbsfähig."

Merkel sagt mit dem Frame "wettbewerbsfähig", der so nett klingt: Nie werden uns diese Länder einholen. Wir sind so viel besser. Sie sagt es nur so, dass man ihr – wie immer – keinen Vorwurf machen kann.

Übrigens hat Merkel lange Zeit dazu gesagt, diese Länder müssten "ihre Hausaufgaben machen". Auf diese Formulierung hat sie recht bald verzichtet – als ihr klar wurde, dass damit überdeutlich wurde, was gemeint ist. Diesen Merkel-Frame überließ sie Wolfgang Schäuble, der die Rolle des Zuchtmeisters viel besser ausfüllte.

"Wettbewerbsfähigkeit stärken" meint nichts anderes als Lohnsenkung oder Rentenkürzung und klingt dabei so gut gemeint. Und wenn in einem Krisenland der EU wütende Arbeiter und Rentner auf die Straße gehen, wenn sie linke oder rechte Populisten wählen, kann das nicht Merkels Schuld sein. Sie hat ja nur die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit gewollt.

Bil|der; Merkel wird immer in den gleichen Posen gezeigt. Diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Verlässlichkeit. Das ist gewollt. Als das amerikanische Time Magazine sie 2015 zur Person des Jahres wählte, meldete sich dessen Redaktion beim Bundespresseamt in Berlin. Ob man für die Bebilderung offizielle Fotos von Merkel bekommen könne? Die Journalisten dachten an Einblicke ins Innerste des Kanzleramts: Merkel bei der Arbeit, im Gespräch mit Vertrauten, in Situationen, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Doch solche Bilder gab es nicht. Nur eine kleine Auswahl von Fotos, die man von Merkel bereits kannte.

Merkel hat neben der Sprache auch die Bilder von sich so lange geformt, bis sie ihr dienten. Die meisten Stars haben eine eigene Geste. Michael Jackson hatte den Griff in den Schritt. Kiss hat die herausgestreckte Zunge. Die Raute, die Merkel mit ihren Fingern formt, hat sich so etabliert, dass sie inzwischen ein Teil des Framings von Merkel ist. Häufig warten die Fotografen bei offiziellen Terminen, bis Merkel die Fingerspitzen aufeinandergelegt hat, erst dann fotografieren sie. Die Bilder zeigen dann eine Frau, deren Hände einen Rahmen bilden, einen Frame.

Das Bild, das wir von Merkel haben, ist kein zufälliges, es ist gesteuert. Manchmal scheint Merkel selbst darüber zu staunen, wie gut die Merkel-Frames funktionieren. Dann bricht es im kleinen Kreis aus ihr heraus und sie beschwert sich über die "viel zu ruhigen Deutschen", denen ja gar nicht klar sei, wie sehr man das Land in den kommenden Jahren modernisieren und reformieren müsse. Ein bisschen wirkt sie dann wie eine Anästhesistin, die sich beschwert, dass der Patient schläft.

Man könnte sagen, dass Merkel keine Wahl hat, weil jedem Spitzenpolitiker die Worte im Mund herumgedreht werden und eine Kanzlerin sie daher so wählen muss, dass man nicht mal Lust verspürt, sie herumzudrehen. Man könnte aber auch sagen: Ihr fehlt der Mut. Wahrscheinlich stimmt beides. Der Wunsch der Populisten nach klarer Sprache hat auch mit Merkels Rhetorik zu tun. Man möchte ihr und dem Land wünschen, dass sie beim nächsten Interview die Merkel-Frames für einen Moment vergisst.