Vor 50 Jahren, in den frühen Morgenstunden des 22. August 1968, ließ Gerd Bucerius, der Gründer und Verleger der ZEIT, die Druckmaschinen anhalten. Flankiert von ihren Vasallen inklusive der DDR, war die Sowjetunion tags zuvor in die Tschechoslowakei eingefallen, um den Prager Frühling zu ersticken.

Die traditionelle Karikatur auf der Seite eins musste einem fünfspaltigen Doppelbild weichen: links der Einmarsch der Nazi-Wehrmacht 1939, rechts im Stechschritt die DDR-Armee 1968. Es war eine "deutsche Schande", notierte Marion Gräfin Dönhoff; "die Entwicklung der Welt" sei "um viele Jahre zurückgeworfen" worden.

Die friedliche Demokratisierung des totalitären Machtstaates war ein wunderbarer Traum. Dieser Autor erinnert sich. Er war am 1. Mai mit einer Studentengruppe in Prag, doch das Seminar fand auf der Straße statt, wo eine jubelnde Menge an Parteichef Alexander Dubček vorbeizog, der den "Frühling" entfesselt hatte. Irgendjemand drückte uns rote Fahnen in die Hand, und wir schwangen sie so begeistert wie die Prager.

Vielleicht gab es ihn doch, den "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", mit Demokratie und Wirtschaftsfreiheit. Bloß hatten wir die Rechnung ohne den sowjetischen Wirt gemacht, der schon mehrfach mit imperialer Faust zugeschlagen hatte: in der DDR 1953, in Polen und Ungarn drei Jahre später. Demokratie und Sozialismus vertragen sich nur in der Vorstellung. Im "Realsozialismus" kann die Freiheit nicht florieren. Wie denn auch, wenn der allmächtige Staat über die Produktionsmittel verfügt, allenfalls Kleineigentum zulässt und die Herstellung vom Lkw bis zum Kochtopf kontrolliert, von den Medien ganz zu schweigen?

Wer diese Macht hat, will sie nicht teilen. Deshalb bestraft dieser Staat "konterrevolutionäre" Meinungen, unterwirft die Rechtsprechung und toleriert nur Scheinparlamente. Ota Šik, der ökonomische Chefdenker des "Frühlings", bekannte 1990: "Schon damals war ich davon überzeugt, dass die einzige Lösung für uns ein vollblütiger Markt kapitalistischer Art ist."

Warum ist verbrieftes Eigentum so wichtig für die Freiheit? Es signalisiert dem Staat: "Hier darfst du nicht rein, hier beginnt meine Selbstbestimmung!" Freilich ist die freie Wirtschaft nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung der liberalen Demokratie. Das beweist Russland mit seinem neuen Zaren Wladimir, das beweisen die Autoritären in Ungarn und Polen, das 1989 die radikalsten Wirtschaftsreformen durchgezogen hatte und seitdem hohes Wachstum genießt. Die "gelenkte Demokratie" braucht keinen Lenin; die Sumpfblüten ziehen sich von Osteuropa über Putin-Land und Ankara bis Singapur.

Dieses System braucht auch keine Sowjetpanzer wie 1968. Ungarn und Polen, ausgerechnet die alten Opfer des Kreml-Imperialismus, zeigen, dass der Autoritarismus hausgemacht sein kann. Es gibt kein "Ende der Geschichte", keinen unaufhaltsamen Drang zur Demokratie. Unordentlich und frustrierend, erfordert dieses System die ständige Pflege. Hier und heute darf die EU nicht den Druck von Warschau und Budapest nehmen. Die haben 1956 wie die ČSSR 1968 am eigenen Leibe erfahren, was Unterdrückung bedeutet – und Polen abermals 1981–83, als das eigene Jaruzelski-Regime die aufkeimende Freiheit erstickte.