Spielplätze sind erst dann echte Spielplätze, wenn Kinder die Rutschbahnen hochzuklettern versuchen, wenn sie also anfangen, die Spielgeräte anders zu benutzen als von ihren Erbauern vorgesehen. So ähnlich ist es mit Musikgeräten auch. Die japanische Elektronikfirma Roland brachte 1980 die Rhythmusmaschine Roland TR-808 auf den Markt, als günstigen Begleiter für Musiker, die ein Demotape aufnehmen wollen. Doch das Gerät floppte – die Sounds waren zu künstlich. Dann entdeckten Rapper und DJs den eigenwilligen Charme des Instrumentes, der Rest ist Geschichte. Ohne die "808", wie sie bei Eingeweihten heißt, sind Hip-Hop, House und Techno kaum zu denken.

In einem Videoclip des Onlinemagazins Kaput, das die Musikerin und DJ in ihrem Homestudio in Hamburg besucht hat, streicht Hauff zärtlich über die Plastikoberfläche des braunen Kastens mit den roten, orangenen, gelben und weißen Tasten. "Die größte Maschine aller Zeiten" nennt Helena Hauff ihre TR-808. "Allein die Farben!", schwärmt die 30-Jährige. Das Eröffnungsstück ihres neuen Albums Qualm bestreitet ihre 808 fast allein – und zwar auf eine unnachahmlich finstere Weise, die man nur programmatisch verstehen kann. Wer sich unter elektronischer Musik saubere, glatte Sounds vorstellt, hechtet sofort zum Regler, um herunterzudrehen, was da völlig zu übersteuern scheint. Doch das soll alles genau so sein. Helena Hauff macht übersteuerte Musik, nicht raffiniert übersteuert, für ein bisschen Wärme in der Musik. Sondern brutal übersteuert. Auch darin steht sie in bester Tradition – der Legende nach hat ein NDR-Techniker bei Jimi Hendrix’ erstem Fernsehauftritt immer wieder an Hendrix’ Verstärkerknöpfen herumgedreht, um abzustellen, was doch ein integraler Bestandteil dieser neuen Musik war: die Rückkopplungen. Helena Hauff, so berichtet sie von ihren Live- und DJ-Auftritten, treibt ebenfalls die Tontechniker in den Wahnsinn. Nicht mit verzerrten Gitarren, sondern mit verzerrten Drum-Machines.

Das ist nicht neu. In den Neunzigern, als Techno immer härter, schneller und finsterer wurde, gehörte die zum krächzenden "Boing" übersteuerte Bassdrum dazu. Neu ist aber, dass eine junge Musikerin heute zurückgeht in die schmutzige Klangwelt des Technounderground früherer Tage – und das in einer Zeit, in der elektronische Sounds und Grooves immer runder, feiner und klanglich austarierter werden. Die Sounds der alten Maschinen wie der TR-808 oder ihres kleinen Bruders, des Bass-Synthesizers TB-303 ("die zweitgrößte Maschine aller Zeiten", sagt Hauff), sind in der elektronischen Musik weiterhin präsent, aber sie sind heute virtuelle Plug-ins, gesteuert vom Laptop, eingebunden in Musikprogramme wie Ableton live, die so intuitiv und organisch funktionieren, dass sie den Unterschied zwischen Maschinenmusik und handgemachter Musik inzwischen aufgelöst haben.

Helena Hauff dagegen produziert ihre Musik komplett ohne Computer – das macht den Unterschied. Bei ihr hört man die Maschinen arbeiten, sie bringen ihre kantigen Grooves mit und ihre bissigen Filterknöpfe, sie keuchen und krachen im tiefroten Bereich. "Ich mag alte und verstaubte Mixer, das hört man manchmal auch", sagt Hauff über ihr Equipment. Sie macht ihre Musik im Dialog mit den sperrigen Kisten, sie nimmt in Kauf, dass nicht alles perfekt zu kontrollieren ist. Return to Disorder heißt ihr eigenes kleines Label, auf dem sie Musik veröffentlicht, die dem Geist des Namens entsprechen: Zurück zur Unordnung.

Man könnte Hauff vorwerfen, ein bisschen retro zu sein. Manchmal erinnern die Tracks ihres neuen Albums an den frühen Technosound des Detroiter Labels Underground Resistance oder seines Berliner Pendants Tresor. Manchmal hört man den ganz frühen Acid House von Chicagoer Produzenten wie Sleezy D oder Phuture. Andererseits ist die Rückbesinnung schon immer ein Teil von Avantgarde im Pop. Als Rock symphonischer und akrobatischer wurde, kam der Punk und orientierte sich am rohen Sound der mittleren Sechziger. Heute, da elektronische Musik vom organischen Flow der neuen, superversierten Laptop-Produzenten dominiert ist, gibt es eine Sehnsucht nach dem brettharten, rohen Sound der alten Maschinen. Und Helena Hauff, die geheimnisvoll wirkende Hamburgerin mit stechend betörendem Blick, ist zurzeit eine der populärsten Vertreterinnen dieser Rückbesinnung nach vorn.

Die Nachfrage nach ihrer Person sei "gelinde gesagt gewaltig", heißt es bei ihrem Label. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie mehr Glamour hat als die meisten anderen. "The most exciting DJ in the world right now", nennt sie die populäre DJ-Internetplattform The Boiler Room.

Tatsächlich ist Helena Hauff, die ihre Karriere im Golden Pudel Club begonnen hat und dort immer noch regelmäßig auflegt, eine leidenschaftliche und außergewöhnliche DJ. Das ist ihrem Album Qualm anzuhören. Ihre Stücke tragen düstere Sci-Fi-Titel wie Hyper-Intelligent Genetically Enriched Cyborg oder The Smell of Suds and Steel – aber sie sind clever arrangierte Clubtracks, die – allen Übersteuerungen zum Trotz – auf der Tanzfläche wahnsinnig knallen.

Helena Hauff: "Qualm", Ninja Tune