Die größte Sorge der Anwohner ist, dass sich das Fiasko wiederholt. Dass wieder 250.000 Fremde nach Hasenmoor kommen, viermal so viele wie erwartet, die meisten davon Männer, die nicht mehr nüchtern sind. Dass sie wieder die Absperrungen niederreißen, zwischen den Häusern zelten und in die Vorgärten pinkeln, Gartenzäune als Feuerholz verwenden und auf freiem Feld das Öl ihrer Motorräder wechseln. Dass erneut der Verkehr in Schleswig-Holstein zusammenbricht und der Stau sich bis in den Elbtunnel hineinzieht. Und dass am Ende wieder 1500 Kubikmeter Müll liegen bleiben, 24 Güterwaggons voll; 500 Helfer brauchten drei Wochen, bis alles beseitigt war.

Und alles nur wegen eines Comics von Rötger Feldmann, genannt Brösel, in dem ein knollennasiger Lehrling namens Werner wettet, auf seinem selbst gebauten Motorrad schneller zu sein als der Porsche seines Kumpels Holgi. Der Gewinner bekommt hundert Kisten Flensburger, der Verlierer wird mit Hühnerkot beworfen, so lautet die Wette. Fast sechs Monate lang stand Werner – Eiskalt! in der Spiegel-Bestsellerliste. Als immer mehr Leser anriefen und fragten, wann und wo das Rennen denn stattfinde, beschloss der Verlag, den Witz Wirklichkeit werden zu lassen – die Rolle von Werner übernahm sein Zeichner Rötger Feldmann. "Das größte Rennen seit Ben Hur", kündigte der Verlag an, ohne damit zu rechnen, dass das auch genau so eintreten könnte.

30 Jahre ist das her. Nun soll alles besser laufen. Für drei Tage, vom 30. August bis zum 2. September, verwandelt sich der Flugplatz Hartenholm, der auf Hasenmoorer Gemeindegebiet liegt, in ein Festivalgelände – für Motorsport und insgesamt 70 Bands, darunter Roger Chapman, BAP und Torfrock, die auch 1988 schon dabei waren. Rund 50.000 Besucher sollen diesmal kommen, höchstens. Seit zwei Jahren laufen die Vorbereitungen, zweieinhalbtausend Helfer sollen dafür sorgen, dass das 700-Seelen-Dorf nicht noch einmal im Chaos versinkt.

Hasenmoor liegt östlich der A 7, auf halbem Weg zwischen Hamburg und Kiel. Wer hinfährt, kommt vorbei an einer Gänsekoppel, Kuhställen und viel Ackerland. Auf der Bundesstraße kommen einem riesige Traktoren entgegen, 14 landwirtschaftliche Betriebe gibt es, außerdem einen Zimmermann, einen Autoschlosser, einen Maler; die übrigen Einwohner pendeln nach Hamburg, Kiel und Kaltenkirchen.

Einige von ihnen waren wenig begeistert, als sie hörten, dass das Werner-Rennen zum Jahrestag am Originalschauplatz wiederholt werden soll. 15 Bewohner, deren Häuser unmittelbar in der Nähe des Flugplatzes stehen, versuchten erst, das Rennen per Gerichtsbeschluss zu kippen. Das misslang. Nun wollen sie das Festival mit Lärmschutzauflagen einschränken: keine Musik mehr nach 22 Uhr. Bürgermeister Karl-Wilhelm Schümann (CDU) kann die Skepsis verstehen, er war 1988 als Feuerwehrmann dabei. "Dass das damals jenseits des Akzeptablen und Erträglichen war, steht außer Frage", sagt er. Aber er sieht auch die Chancen für seine Gemeinde: "So können wir mal ein bisschen bekannt werden", sagt er. "Es wird da ja auch einiges an Geld umgesetzt." Sollte das Verwaltungsgericht Schleswig entscheiden, dass abends keine Musik mehr gespielt werden darf, will er dem Richter einen Brief schreiben. "Dann soll er die Verantwortung dafür übernehmen, was nach 22 Uhr passiert. 25-jährige Männer, in Rudeln zu 100 Stück und mit fünf Whisky im Bauch, die können die Welt aus den Angeln heben. Die ziehen dann ins Dorf und schauen nach, wo noch Stimmung ist. Das möchte ich nicht erleben."

Der Erfinder des Wacken-Festivals hatte die Idee für das neue Rennen

Rötger Feldmann hat für die Sorgen der Anwohner noch weniger Verständnis. Er sagt: "Wenn du eine Party feiern willst, gibt es immer ein paar Nörgler. Ich finde, die können sich freuen. Und wenn nicht, sollen sie sich mit Ohropax ins Bett legen." Er will sich das Rennen nicht vermiesen lassen, sein Rennen, das er mit seinem Kumpel-Rivalen Holgi fährt, der in Wahrheit Holger Henze heißt und dem er viel verdankt.

Henze ist heute 73 Jahre alt und gehört zu den wichtigsten Figuren der norddeutschen Kunstszene. Er lernte erst Stahlbauer, studierte dann in Berlin Kunst, war Straßenmaler auf dem Ku’damm und eröffnete später in Kiel die erste und lange einzige Galerie für Gegenwartskunst in Schleswig-Holstein. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit der angeschlossenen Kneipe, dem Club 68, die er bis heute führt. Den Porsche, Baujahr 1967, kaufte er sich auch aus pragmatischen Gründen, wie er sagt: "Ich bin regelmäßig nach Hamburg gefahren, zu Kunstausstellungen. Vorher hatte ich einen Mercedes-Diesel, damit brauchte ich zwei Stunden. Mit dem Porsche brauchte ich nur eine."

Eines Tages saß Brösel bei ihm, ein arbeitsloser Lithograf, der seinen Job verloren hatte, weil er Karikaturen von seinem Chef malte. "Irgendwer hat mir gesagt: Schau dir mal die Zeichnungen von dem da an. Dann hat es ein Vierteljahr gedauert, bis er überhaupt ankam, aber was er mir zeigte, gefiel mir gut." Henze rief einen Bekannten bei der Satire-Zeitschrift Pardon an, Henze und Feldmann bekamen eine Kolumne. Henzes Porsche parkte in einer Garage mit blauem Tor im Hinterhof, in der Garage daneben schraubte Feldmann an seiner Horex, es sind die berühmtesten Garagen Schleswig-Holsteins. Henze nannte Brösels Horex "Vorkriegsschrott", Brösel konterte, schneller als der Porsche sei die Horex allemal, notfalls baue er eben vier Motoren hintereinander. Aus der Frotzelei wurde ein Comic, er verkaufte sich 750.000-mal. Und dann wurde er vor dreißig Jahren Wirklichkeit.