Alina Oehler (27) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Ich gehe regelmäßig beichten. Dass sich das für viele komisch anhört, verstehe ich: Man erzählt doch keinem Wildfremden von seinen persönlichsten Fehltritten – oder aber doch? Denn mit der gleichen Verwunderung, mit der Gleichaltrige auf mein Bekenntnis reagieren, höre ich mir an, wie viele Therapeuten sie schon aufgesucht haben. Ja, es hat etwas sehr Befreiendes, mit jemandem ganz offen und ehrlich über seine Ängste, Sorgen und Erlebnisse sprechen zu können – das kann ich gut nachvollziehen. Doch sich selbst schmerzhafte Fehler einzugestehen, diese laut auszusprechen und am Ende des Gesprächs das Gefühl zu haben, jetzt noch einmal neu anfangen zu können – das ist noch mal eine Stufe mehr, finde ich.

Dass immer weniger Katholiken regelmäßig zur Beichte gehen, kann ich deshalb nicht verstehen. Vielleicht liegt es am schlechten Image. Die "Höllenandrohungen", von denen frühere Generationen berichten, wirken vielleicht noch nach. Auch wird die Notwendigkeit, ja der Nutzen oft gar nicht mehr gesehen. Zumindest berichten mir viele Pfarrer davon, häufig lange Minuten allein im Beichtstuhl zu warten. Denn angeboten werden die regelmäßigen Beichtgelegenheiten ja weiterhin, nur der Andrang bleibt aus.

Etwas anders ist das bei kirchlichen Großereignissen – als sich zum Beispiel bei einer Jugendwallfahrt zum Jahr der Barmherzigkeit zahlreiche Priester auf dem Petersplatz in Rom Zeit für Beichtgespräche nahmen. Aber auch in Klöstern oder an Wallfahrtsorten ist die Beichtpraxis noch lebendig. Hier bilden sich regelmäßig kleine Schlangen und man muss tatsächlich warten. Doch an diesen Orten sind ohnehin schon die versammelt, die sich vom Glauben in ihrem Alltag betreffen lassen, sie kommen von weit her. Repräsentativ ist das nicht.

Papst Franziskus bedauert immer wieder, dass das Sakrament der Versöhnung in Deutschland und anderen westlichen Ländern an Bedeutung verliert. Er selbst beichtet sichtbar im Petersdom oder mischt sich bei Großevents unter die Priester und überrascht die Gläubigen. Manche Kirchen hierzulande stellen Schilder vor ihrer Tür auf, auf denen sinngemäß steht: "Heute Beichte – ein Priester nimmt sich Zeit für Sie." Diese Einladungen, diese Erinnerungen finde ich gut. Sich für einige Momente auf sich selbst und sein Leben besinnen, innehalten und Bilanz ziehen, sich neu ordnen – wer nimmt sich dafür schon regelmäßig Zeit oder leistet sich einen Therapeuten? Für mich ein tolles, heilsames Angebot der Kirche.

Natürlich gehört Überwindung dazu. Doch die Liebe, mit der (im Ideal, aber ich habe es nie anders erlebt) einem der Priester geduldig zuhört, die Dinge bespricht und dann die Lossprechung erteilt – das ist eine Erfahrung, die einen neu gestärkt nach Hause und zurück in den Alltag gehen lässt. Ja, man fühlt sich tatsächlich, als wäre die buchstäbliche Last von einem genommen – und für Katholiken ist das ja nicht nur ein Gefühl, sondern eine Zusage ("Wem ihr die Sünden erlasst, dem sind sie vergeben", Joh 20,23). Wie großartig das ist, versucht der Papst immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Doch auch die Kirchen vor Ort könnten mehr dafür werben – denn so richtig ankommen will die Message des Papstes gerade bei jüngeren Menschen bisher nicht.