Dann wollen wir mal, sagt Lüders, und bei vielen würde der Satz, morgens, sieben Uhr, grauer Himmel, klingen wie: Eigentlich wollen wir ja nicht, wir müssen halt. Aber Lüders, wie er zum Auto federt, Aufbruch in der Stimme, Laune im Gang, will offenbar wirklich.

Wespenjäger Alexander Lüders, 27, junger Typ in alter Branche. Aus Havighorst, bei Billstedt, also eigentlich Schleswig-Holsteiner, aber so braucht man ihm, der beim HSV in der Kurve steht, bei den treuen Jungs, nicht zu kommen. Schädlingsbekämpfer ist Lüders offiziell, aber in diesem Sommer nur noch Wespenjäger. Alle Hamburger Kammerjäger werden pausenlos zu den Wespen gerufen, die anders als die Bienen ihren Stachel nicht verlieren beim Zustechen und deshalb kampfeslustiger sind. Elende Viecher, sagen die Kunden. Lüders sagt: faszinierende Tiere, viele verstehen gar nicht, was sie da von uns wegmachen lassen. Das ist schön, schön absurd auch: Der Mann, der die Wespen – wie sagt er? – wegmachen soll, lobt erst mal, derweil man durch das sehr verkehrsruhige Alsterdorf rollt, was die Wespe leistet.

Wie die Königin ihren Staat arbeitsteilig organisiert und mit einer merkelartigen Mixtur aus Milde und Härte regiert. Wie sie ihre Eier selbst befruchtet und umsorgt, wie sie über das Ausstoßen von Pheromonen bestimmt, welche Larve unfruchtbare Arbeiterin wird und welche zum befruchtungsfähigen Weibchen. Im Wespenstaat ist das Matriarchat insektuös vollendet.

Lüders weiß, dass die meisten Arten, 60 existieren weltweit, 16 bei uns, in Deutschland geschützt sind. Wenn, er wird nun Jurist, eine Gefährdung vorliegt für den Menschen, dann darf umgesiedelt oder bekämpft werden. Lüders ist folglich immer auch Erstgutachter, Richter der Verhältnisse am Ort. Unschöne Szenen bisweilen, wenn er einem Kunden erklärt, ’tschuldigung, aber ich kann nicht tätig werden, das Nest hängt im Garten, keine Gefahr. Jeder, der ein Wespennest im Garten hat, fühlt sich gefährdet. Kann man verstehen, aber leider nichts machen.

Ein Klinkerhaus hinter dem Ohlsdorfer Friedhof. Gute Natur, gute Luft, ideales Biotop für die Deutsche und die Gemeine Wespe. Letztere heißt ja wirklich so, wie sie von den meisten Deutschen in tumber Wut geschimpft wird. Im Vorgarten Tibetfahnen, aha, man ist hier also grundsätzlich friedliebend, aber bei der Wespe hört der Friede auf. Das Nest hängt, nicht sichtbar, unterm Velux-Dachfenster vor dem Zimmer der Tochter, verborgen von Ziegeln. Lüders guckt. Von unten kommt er nicht ran, er muss hinauf, aus dem Fenster hängend ans Getier.

Im Garten sagt die Kundin über die Firma Ökokil, der Name sei genial, da habe sie sofort gedacht, wie schön, ein weicher Tod für die Wespen. Lüders steigt in einen Imkeranzug, der mal weiß war, bevor ihn die Arbeit eingefärbt hat: beige mit Schlieren. Er klappt das Visier zu wie ein Rennfahrer vor dem Start und zielt, ruhige Hand, mit einer Dose auf die Stelle, die er als Nesteingang erkannt hat. Einbildung – oder schwillt das Summen der Wespen an?

Kritische Phase jetzt, schwitzender Lüders, weil er nicht sieht, wie groß das Nest ist. Ob ihn also gleich mit letzter Wut 400 oder 4000 Wespen angreifen. Bis 500 Tiere pro Nest sind üblich, Lüders hat aber auch schon 7000er-Bauten gesehen. Er versprüht den Pyrtoxschaum, darin Permethrin, ein Kontaktgift, es dichtet die Schindeln ab. Wespen, die davon getroffen werden, sterben, Wespen, die es riechen, sterben, Wespen, die im Nest verblieben sind, kommen nicht mehr raus, Arbeiterinnen auf Tour nicht mehr hinein. Das sind die, die dann gerne stechen, orientierungs- und obdachlose Tiere, denen noch ein Tag bleibt, ehe sie verenden. Eine Arbeiterin ohne Nest und Königin überlebt nicht, so will es die Natur.