Ja, findet Manuel J. Hartung

Hausaufgaben sind nicht nur eine Übung für die Schule, sondern ein Exerzitium fürs Leben

Es war in der ersten Klasse, ich muss sieben Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal eine Hausaufgabe verfluchte. Wir sollten Buchstaben schreiben üben, I und Jott. Drei schöne I und drei noch schönere Jott standen in meinem Heft. Doch der Lehrer rüffelte mich: Was mir einfiele, nur drei Buchstaben, ich sollte eine ganze Zeile schreiben! Bitte noch mal, jetzt aber zwei! Vielleicht hatte ich die Aufgabenstellung überhört oder fand sie unsinnig, warum sollten drei hübsche Buchstaben nicht ausreichen?

Seitdem haderte ich immer wieder mit Hausaufgaben: mit dem sturen Wiederholen von Gesteinsschichten in Erdkunde, mit dem Fensterbild im Fach Handarbeiten, das ich unter Tränen erhäkelte, mit der Lateinübersetzung, die eine ganze Klasse bei Reclam abschrieb, blöderweise falsch. Ich verstehe gut, dass manche Leute Hausaufgaben mit Hausfriedensbruch gleichsetzen.

Ich erinnere mich aber auch an das Glück, eine komplexe Mathegleichung spätnachts verstanden zu haben; an das Hochgefühl, durch einen Aufsatz mir selbst und der Welt nähergekommen zu sein; an die Befriedigung, auf Klassenfahrt in Irland mit allen reden zu können, auch wenn es kolossal genervt hatte, jeden Tag Vokabeln zu bimsen.

Ja, es gibt stupide Hausaufgaben, aber es gibt eben auch die guten Hausaufgaben, die weit übers nächste Testat hinausreichen.

"Mich wundert, dass Hausaufgaben aus der Mode gekommen sein sollen", sagte der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) dem Abendblatt – und das ist hanseatisch ausgedrückt; dass manche Schulen immer weniger Übungen aufgeben, ist grotesk. Rabe fordert: Schüler sollten mehr Hausaufgaben machen. Er hat recht.

Nun verfolgt Rabe schon länger die Strategie, die Sozialdemokratie mit dem schulischen Leistungsgedanken zu versöhnen. Beim Lob der Hausaufgabe hat er aber zuvörderst die soziale Gerechtigkeit im Blick: Ohne Aufgaben machten Kinder aus bildungsfernen Schichten am Nachmittag nichts für die Schule, während sich Akademikereltern intensiv darum kümmerten, "dass ihre Kinder auf den richtigen Weg kommen".

Der Tübinger Forscher Richard Göllner hat 2800 Schüler aus Sachsen und Baden-Württemberg in einer Langzeitstudie begleitet. Vergangenes Jahr kam Göllner zu dem Schluss, dass Hausaufgaben "nicht nur für die schulische Leistung wichtig und sinnvoll sind, sondern auch für die Persönlichkeitsentwicklung, vorausgesetzt, sie werden gründlich und genau erledigt". Anders formuliert: Sie sind nicht nur eine Übung für die Schule, sondern ein Exerzitium fürs Leben.

Gute Hausaufgaben können vieles bewirken: Erstens helfen sie, den Stoff zu verstehen. Wiederholung mag altmodisch wirken, sie ist anstrengend, manchmal langweilig. Es ist aber eine Illusion, zu glauben, dass sich Lernen und Anstrengung voneinander trennen lassen. Zweitens verstetigen sie das Wissen. Es reicht nicht aus, in der Schule nur Kompetenzen zu erwerben: Wie man eine Information recherchiert, ist hilfreich, wie man sie gut präsentiert, nützlich – wer aber nichts weiß, kann auch nichts einordnen, sondern nur das Nichts gut verkaufen. Drittens erziehen sie zur Selbstständigkeit: Schüler teilen sich ihre Arbeit ein, sie müssen sich organisieren und damit klarkommen, dass manches nicht beim ersten Anlauf klappt. (Eltern, die ihren Kindern die Aufgaben abnehmen, helfen ihnen daher nur vordergründig.)

Doch was macht man mit den vielen dummen Hausaufgaben, die es zweifelsohne gibt? Abschaffen und durch gute ersetzen. Die Chancen dafür waren noch nie besser als heute. Zum einen müssen sich ohnehin Lehr- und Arbeitspläne ändern, wenn Schulen wieder von G8 auf G9 umstellen. Zum anderen kann die Digitalisierung die Hausaufgaben revolutionieren: Statt einer Übung für alle, für die Schnellen wie die Langsamen, bekommt künftig jeder seinen individuellen Lernplan, der sich stetig dem anpasst, was jemand kann und wie er am besten lernt. Der eine muss in Mathe noch eine Grundfrage verstehen, die andere kann schon komplexe Gleichungen rechnen. Die eine lernt am besten in Fünf-Minuten-Abschnitten, der andere im Halbstundentakt. Dadurch würden die Hausaufgaben besser – und Schüler und Schulen auch.
Manuel J. Hartung