Zwischen Euphorie und Ernüchterung liegen oft nur wenige Tage. Erst feiern Hunderttausende Erstklässler in ganz Deutschland ihre Einschulung, sie zelebrieren den Anfang, den Aufbruch, die Neugier. Dann beginnt der Unterricht in Schulen, in denen Stunden ausfallen, Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung vor der Tafel stehen oder aber Studenten aus dem Sofortprogramm "Unterrichten statt Kellnern" plötzlich Deutsch oder Sachkunde servieren.

"Einen derart dramatischen Lehrermangel hatten wir seit drei Jahrzehnten nicht mehr", sagt der Präsident des Lehrerverbands. Die Chefin der Gewerkschaft GEW spricht gar von "Bildungsnotstand".

Bildungsnotstand? Häufig durchzieht ein apokalyptischer Gestus Debatten um die Bildung, auch wenn Schüler und Schulen mit Umbrüchen stets ganz gut klarkamen. Doch könnte es sein, dass dieses Mal das Wort vom "Bildungsnotstand" nichts verzerrt, sondern die Wirklichkeit exakt beschreibt? Allein in Berlin haben 60 Prozent der neu eingestellten Lehrer keinen pädagogischen Abschluss. 40.000 Lehrerstellen sind deutschlandweit unbesetzt. Die Sendung Extra3 zitierte unlängst einen alten Kalauer: Das Lehrerzimmer wird zum Leererzimmer.

Dass so viele Lehrer fehlen, ist peinlich für die Kultusminister. Eigentlich sollten sie vorhersagen, wie viele Schüler es gibt und wie viele Lehrer sie brauchen. Doch den Ministern war entgangen, dass viel mehr Kinder geboren wurden, die nun, ach!, sechs Jahre später an die Schulen strömen.

Doch ist nicht schon die Idee einer exakten Prognose falsch? Ist die Vorstellung, dass man gerade mal so viele Lehrer braucht, wie Kinder beschult werden, nicht verrückt in einem Land, in dem es heißt: Bildung, das ist das Wichtigste, was wir haben? Ist es verwegen, zu sagen: Wir sollten uns viel mehr Lehrer als bislang leisten? Das hieße: In Jahren mit wenigen Schülern gibt es wirklich weltbeste Bildung, und in Jahren mit vielen Schülern sind auch noch genügend Lehrer da.

Das heutige Mangelsystem erzeugt nur Verlierer: Am stärksten trifft es die Schwächsten. Während bildungsbeflissene Eltern ihre Kinder in Nachhilfe- oder Musikschulen schicken, werden andere abgehängt: die, die nicht so schnell mitkommen, deren Eltern sich nicht kümmern, kurzum: die, die gute Lehrer besonders brauchen. Doch die besten Pädagogen, die sich gerade aussuchen können, wo sie unterrichten, gehen nicht an die Brennpunktschulen – sondern dahin, wo es ohnehin gut läuft. In Zeiten, in denen die Leistungen deutscher Schüler wieder sinken, nachdem sie jahrelang immer besser geworden waren, ist das dramatisch. Zweitens trifft es die Quereinsteiger. Auf ihnen lastet enormer Druck. 25 Schüler gut zu unterrichten, das können die wenigsten in Crashkursen lernen, auch wenn sie noch so motiviert sind. Drittens überfordert es bildungsinteressierte Eltern. Viele werden darum kämpfen, dass ihre Kinder den besten verfügbaren Lehrer bekommen, werden Schulleiter unter Druck setzen. Das Klima an den Schulen wird rauer.

Es gibt keine Idee, die gleichzeitig gut, schnell und einfach funktioniert

Gerade gibt es viele Vorschläge, den Lehrermangel zu beheben: größere Klassen, weniger Unterricht, höheres Gehalt. Alle Lösungen haben ihren Preis, aber die Wahrheit ist: Es gibt keine Idee, den Lehrermangel zu beheben, die gleichzeitig gut, schnell und einfach funktioniert. Wer heute ein Lehramtsstudium beginnt, ist erst in sechs Jahren fertig. Zu spät für eine halbe Schülergeneration. Kurzfristig müssen die Schulen nun jede halbe Stelle zusammenkratzen, Lehrer später in Pension schicken, Teilzeit abbauen.

1964 machte der Religionsphilosoph Georg Picht mit einem Buch Furore, das seitdem Referenzwerk vieler Bildungsapokalyptiker ist. Titel: Die deutsche Bildungskatastrophe, Hauptthema: der Mangel an Hunderttausenden Lehrern. Auf diesen Befund folgte eine Phase wilden Denkens und großer Reformen: Man sprach über das "Bürgerrecht auf Bildung", experimentierte mit anderen Schulformen, baute neue Universitäten. Überall war Aufbruch.

Einen solchen Aufbruch braucht es auch jetzt. Das ist die Chance dieser Misere: sich zu fragen, was die beste aller möglichen Schulwelten ist. Dazu gehört, dass wir mehr Lehrer brauchen, als wir uns heute vorstellen können. Erst um den Mangel zu beheben. Dann um Lehrer im Überfluss zu haben, die das Bildungsversprechen dieses Landes wahr machen und die etwas von der Euphorie der Erstklässler in sich tragen, die gerade ihre Einschulung feiern – bevor sie in der realen Welt des Bildungsnotstands landen.

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