Die Sozialdemokratin sagt, sie erkenne ihre Schweden nicht wieder. Die vergangenen vier Jahre seien schrecklich gewesen für sie hier in Hässleholm. Lena Wallentheim, die Entmachtete, sitzt in ihrem Büro im Rathaus der südschwedischen Kleinstadt und ringt nach einer Erklärung. Dafür, dass die Leute ihr nicht mehr trauen. Dafür, dass die Stimmung sie an Trumps Amerika erinnert. Dafür, dass bei der Parlamentswahl am 9. September mit den Schwedendemokraten eine Partei stärkste Kraft werden könnte, die das Asylrecht aussetzen und die EU verlassen will. "Rassistisch" nennt Lena Wallentheim sie.

Genau diese Bewertungen aber nehmen viele Schweden der Sozialdemokratin nicht mehr ab – auch nicht ihre Gemeinderatskollegen von den konservativen Moderaten.

Es war in Hässleholm, wo die Moderaten im Februar 2017 zum ersten Mal überhaupt den Schwedendemokraten eine Regierungsbeteiligung anboten, im Gegenzug für deren Zustimmung zum Kommunalbudget. Lena Wallentheim, bis dahin Ratsvorsitzende, trat daraufhin zurück. Andere in der Stadt sagen: Endlich sei man die Sozialdemokratin und deren rot-grüne Koalition losgeworden.

Ein ebensolcher Machtwechsel bahnt sich jetzt für ganz Schweden an. Zeitweise lagen die Schwedendemokraten in den Umfragen mit 23 Prozent gleichauf mit den Sozialdemokraten von Ministerpräsident Stefan Lövfen (er führt eine Minderheitsregierung mit den Grünen).

Vertrauensverlust

Die Traditionsparteien brechen ein, die Schwedendemokraten legen zu.

Quelle: Kalman Trend, 17. Aug. 2018 © ZEIT-Grafik

Die Schwedendemokraten (SD) waren noch in den 1980er-Jahre eine Neonazi-Sammlung. Unter ihrem heutigen Vorsitzenden, dem äußerlich Karl-Theodor-zu-Guttenberg-haften Jimmie Åkesson, hat sich die SD gewandelt, Rassisten wurden aus der Partei gedrängt. Bei der Parlamentswahl 2014 kam sie mit 13 Prozent schon auf den dritten Platz.

Radikale Schwarz-Weiß-Denker sind die Schwedendemokraten geblieben. Sie teilen die Gesellschaft in Feinde und Freunde der schwedischen Nation auf. Sämtliche Mitte-Politiker und "die Medien" seien "Lügner", die Schweden "zerstören", so die Wortwahl.

Wer sich fragt, wie ein Land, das noch vor Kurzem Sinnbild für einen großen politischen Konsens war, innerhalb weniger Jahre derart auseinanderstieben konnte, muss zuerst ein paar Zahlen ins Verhältnis setzen. Allein im Jahr 2015 wurden in Schweden rund 163.000 Asylanträge gestellt. Auf die Einwohnerzahl von 10 Millionen heruntergebrochen, hat Schweden damit mehr als zweieinhalbmal so viele Flüchtlinge aufgenommen wie die Bundesrepublik. In der Kleinstadt Hässleholm leben heute rund 20 Prozent Migranten.

Der Bürgermeister von Hässleholm, Lars Johnsson von den Moderaten, glaubt, dass die Mitte-Parteien es versäumt hätten, Probleme auszusprechen, "einfach weil niemand mit den Schwedendemokraten in eine Schublade gesteckt werden wollte". Ab Ende 2015 sei dann offensichtlich geworden, dass der Massenzuzug kaum noch zu kanalisieren gewesen sei. Die rot-grüne Regierung in Stockholm begann, genau jene Ideen umzusetzen, die sie als undenkbar und rassistisch kritisiert hatte, als die SD sie vorgeschlagen hatte: Grenzkontrollen und Zurückweisungen auf der Öresund-Brücke zwischen Dänemark und Schweden sowie eine Begrenzung der Familienzusammenführung.

Die Schwedendemokraten können es also als Erfolg verbuchen, die vermeintlichen Gewissheiten liberaler Einwanderungspolitik als Wunschdenken entlarvt zu haben. Nun intensivieren sie ihre ideologischen Angriffe. Regelrecht rauschhaft machen ihre Vertreter die Zuwanderung für sämtliche Probleme des Landes verantwortlich und blasen zur Abrechnung mit all jenen, die den angeblichen Niedergang zu verantworten haben, von linken Journalisten bis zu den Feinden des Nationalstaats in Brüssel.