Es war ein Dammbruch. Am Dienstag voriger Woche hat die Justizbehörde von Pennsylvania einen voluminösen Report über sexuellen Missbrauch in sechs der acht katholischen Diözesen des Bundesstaates publiziert. Seither läuft bei der "Clergy Abuse Hotline" eine Flut von Anrufen ein. Bis zum Wochenende haben sich bei dem Notdienst in der Landeshauptstadt Harrisburg über 300 Menschen mit ihren Leidensgeschichten gemeldet. Oft haben sie über Jahrzehnte mit niemandem über die Ereignisse in ihrer Jugend gesprochen. Auch diesen neuen Anschuldigungen will die Staatsanwaltschaft nachgehen. Sie ergänzen das in dem Untersuchungsbericht beschriebene Bild. Nach dem vergingen sich seit den 1940er-Jahren mehr als 300 Priester an mindestens 1000 Kindern.

Kurz nach Erscheinen des Berichts gaben Vatikan und Bischofskonferenz ihrer Beschämung über die Verbrechen Ausdruck und sprachen den Opfern ihr Bedauern aus. Die Kirche, hieß es, sei entschlossen, Täter zur Rechenschaft ziehen, und plane Reformen, um Missbrauch durch Geistliche künftig zu verhindern, so etwa eine größere Einbeziehung von Laien im Bereich der Kinderbetreuung und -erziehung.

Doch wie ernst es die katholische Kirche in den USA mit der Aufklärung von vergangenen Sexualdelikten nimmt, ist zumindest fraglich. Der Bericht legt nahe: Missbrauch an Kindern kam nicht nur in den untersuchten, sondern in allen Bistümern des Bundesstaates vor. Die Vertuschung der Fälle und das Versagen der Verantwortlichen war systematisch. Damit steht auch die moralische Autorität des Katholizismus an sich in den USA auf dem Spiel, für deren Erneuerung Papst Franziskus zuletzt beherzt eintrat, als er sich gegen die Todesstrafe und die Trennung von Flüchtlingsfamilien aussprach.

Kritiker wie der auf Glaubensfragen spezialisierte Autor Bruce Feiler bezeichnen die durch den Report ausgelöste Krise bereits als die schwerste seit den frühen Tagen des Christentums. Die Kirche, so Feiler, habe durch die Vertuschung sexueller Straftaten jede Glaubwürdigkeit verloren und sei nicht mehr zu grundlegenden Reformen fähig. Auch die katholische Theologin Kathleen Sprows Cummings hält die Erklärungen des Vatikans und der Bischöfe für unzureichend und forderte jüngst die Einsetzung außerkirchlicher Gremien. Diese sollen bundes- oder sogar landesweit die Öffnung von Archiven erzwingen und so eine umfassende Entschädigung aller Opfer möglich machen.

Diesen Vorschlag sieht die Kirche kritisch, gefährdet er doch ihre Existenz: Seit Journalisten des Boston Globe im Jahr 2002 erstmals über systematischen Missbrauch in der katholischen Kirche berichteten, musste ein Dutzend Diözesen Konkurs anmelden, summierten sich die Entschädigungszahlungen doch bislang auf einen Betrag von einer Milliarde Dollar.

Deshalb dürfte es nicht zuletzt die Angst vor weiteren Entschädigungszahlungen gewesen sein, die die kirchlichen Autoritäten zu einer generellen Blockadehaltung bewogen, als im Jahr 2016 das Justizministerium von Pennsylvania die Untersuchung in Auftrag gab, deren Bericht nun vorliegt. Die Untersuchungskommission, bei der auch das FBI beteiligt war, rügt darin explizit das Schweigen der Hierarchen. Dennoch konnten die Ermittler eine halbe Million Seiten an Dokumenten aus kirchlichen Archiven beschlagnahmen und auswerten – darunter auch mehrere Geständnisse von Wiederholungstätern. Von den sechs Bischöfen, deren Bistümer untersucht wurden, war allein Lawrence Persico aus der Diözese Erie nach längerem Zögern zu einem persönlichen Auftritt vor der Untersuchungskommission bereit.

Auslöser für die Untersuchung waren Recherchen des Boston Globe aus dem Jahr 2002. Diese zogen mehrere Anklagen nach sich. Fünf Priester wurden zu Haftstrafen verurteilt. Eine weltweite Aufarbeitung ähnlicher Delikte war die Folge. Wie in Boston haben auch in Pennsylvania Polizei und Justiz trotz etlicher Hinweise auf Sexualverbrecher im Talar lange keine eigenen Untersuchungen aufgenommen. Nach den Veröffentlichungen im Boston Globe jedoch wagten viele Missbrauchsopfer im Bundesstaat den Gang zu Polizei und Medien.

Im Jahr 2005 ermittelten die Behörden erstmals im Bistum Philadelphia, dann 2016 auch im Bistum Altoona-Johnstown. Dabei wurden Vergehen von insgesamt 110 Geistlichen nachgewiesen. Infolge dieser Ermittlungen setzte der Justizminister eine Grand Jury ein, um auch die übrigen Diözesen im Staat zu untersuchen. Grand Jurys sind eine Besonderheit des angelsächsischen Rechts. Dabei berufen Staatsanwälte bei schwerwiegenden und komplexen Fällen Bürger als Untersuchungsrichter. Diese bleiben anonym, entscheiden aber über formelle Anklagen und veröffentlichen Berichte.