DIE ZEIT: An diesem Donnerstag kommt Ihr neuer Film ins Kino: BlacKkKlansman handelt von einem schwarzen Polizisten, Ron Stallworth, gespielt von Denzel Washingtons Sohn John David Washington, der in den Siebzigerjahren undercover dem Ku-Klux-Klan beitritt. Was für eine verrückte Geschichte.

Spike Lee: Als ich zum ersten Mal davon hörte, musste ich sofort an den berühmten Sketch des Comedians Dave Chappelle denken, in dem ein blinder Schwarzer sein ganzes Leben lang glaubt, er sei weiß – und darum zu einem wichtigen Mitglied des Klans wird. Aber Rons Geschichte ist so passiert! Die Welt ist eben verrückt. Noch viel mehr, seit Agent Orange im Weißen Haus sitzt. Darum habe ich diesen Film mit großer Dringlichkeit gemacht. Auf dem Set war die Stimmung wie elektrisiert. Die Schauspieler, die Crew, alle spürten: Hier passiert gerade etwas.

ZEIT: Sie waren schon immer ein sehr politischer Filmemacher. Ihre Produktionsfirma heißt 40 Acres and a Mule, in Anspielung auf das gebrochene Versprechen, befreiten Sklaven nach dem Bürgerkrieg 40 Morgen Land und ein Maultier zu geben. In Filmen wie Do the Right Thing oder Vier kleine Mädchen behandeln Sie sehr explizit die vielen Facetten des Rassismus. Jetzt wollen Sie das noch steigern?

Lee: Alles um uns ist geformt von Politik. Da kommt man nie drumherum. Es ist doch bereits eine politische Handlung, wenn jemand sagt: Okay, Leute, wir machen hier mal keine Politik! Es kommt nur darauf an, ob man subtil sein will oder ob man das Gaspedal durchdrückt. Und in diesem Film drücke ich aufs Gas.

ZEIT: Das Amerika von 2018 bricht in diesem Film über die Siebzigerjahre immer wieder hervor. Die Rassisten vom Klan sprechen teilweise sogar in Zitaten aus dem letzten Präsidentschaftswahlkampf. Aber Sie zeigen auch auf viel subtilere Weise, welche Rolle die Rassenfrage in den USA spielt. Zum Beispiel in der Sprache: In einer Szene bringt Ron seinem weißen Kollegen Flip bei, so zu sprechen wie ein Afroamerikaner. Denn Ron war nur am Telefon im Kontakt mit dem Klan, zu den Treffen ging dann Flip.

Lee: Als ich den echten Ron Stallworth traf, musste ich ihn sofort fragen: Wie zur Hölle ist es möglich, dass diese Klan-Motherfucker nicht bemerkt haben, dass er am Telefon völlig anders klang als Flip dann bei den Treffen? Er sagte mir, sie hätten es wirklich nicht bemerkt, aber mir fehlte eine Erklärung. Also habe ich diese Szene eingebaut, in der Ron Flip beibringt, den Text von James Browns Song Say It Loud – I’m Black and I’m Proud wie ein richtiger Schwarzer zu intonieren.

ZEIT: Sie bezeichnen sich selbst als cinephil, Ihre Filme wimmeln vor Anspielungen auf die Kinogeschichte. In BlacKkKlansman untersuchen Sie auch die dunkle Seite des Kinos. BlacKkKlansman beginnt mit einer Szene aus dem Bürgerkriegsdrama Vom Winde verweht, und der Klan zeigt bei einem Treffen den rassistischen Propagandafilm The Birth of a Nation.

Lee: Birth of a Nation war der erste Film überhaupt, der 1915 im Weißen Haus gezeigt wurde! Als er erschien, war der Klan fast tot, doch Birth of a Nation hat ihm einen Ansturm neuer Mitglieder verschafft. Rassistische Propaganda ist etwas Uraltes, aber sie wird in immer neuen Geschichten erzählt. Das Lustige daran ist, dass ich in der Szene eine Versammlung von schwarzen Studenten dazwischenschneide. Und wissen Sie, wer diese Technik erfunden hat? Scheiße, ausgerechnet D. W. Griffith, der Regisseur von Birth of a Nation! Ich hab das erst realisiert, als ich es in der Rezension der New York Times las. Dabei bringen sie dir das in der Filmschule bei! Wir können uns beim alten D. W. für die Parallelmontage bedanken – und sonst für nichts.