Svante Pääbo kann Knochen zum Sprechen bringen wie nur wenige. Der Schwede, der in Deutschland forscht, hat sein Feld mitbegründet: die Paläogenetik. 1984 klonte er als Doktorand eine Mumie, 13 Jahre später legte er der Welt die erste DNA-Sequenz eines Neandertalers vor. Pääbo hatte also Erfahrung mit Sensationen. Trotzdem war er sich nicht sicher, ob seine Kollegen vom Max-Planck-Institut (MPI) für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig auch diesmal richtiglagen. "Zuerst habe ich gedacht, die haben im Labor etwas verwechselt", sagt Pääbo. Denn für das, was er und sein Forscherteam da gefunden haben wollten, hatte man bislang nur Vermutungen angestellt.

Die Wissenschaftler untersuchten im Frühjahr 2017 gerade Erbgut aus kleinen Fragmenten, das entweder aus einem Oberarm oder Oberschenkel stammte. Der Fund stammt aus der berühmten Denisova-Höhle im heutigen Südsibirien. Sie hatte schon den Denisova-Menschen ihren Namen gegeben, ausgestorbenen Verwandten des Menschen. In der Gegend um die Höhle gingen auch die Neandertaler auf die Jagd. Einige von ihnen waren aus dem östlichen ins westliche Eurasien migriert.

Die DNA, die das Team untersuchte, ließ sich allerdings weder Neandertaler noch Denisovaner zuordnen. Die Forscher hatten es mit dem Ergbut eines Mischlings zu tun, einer direkten Nachfahrin der beiden Gruppen, die mindestens 13 Jahre alt war, als sie starb. Mutter: Neandertalerin. Vater: Denisovaner. Sie lebte vor rund 90.000 Jahren.

Sibirische Fernbeziehung

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Es sei das erste Mal, dass Forscher anhand von Knochen beweisen können, dass sich Neandertaler und Denisovaner gepaart haben, sagt Pääbo, und dass sie es öfter getan haben als bisher angenommen. Die Ergebnisse erscheinen diese Woche in Nature.

Noch 2012 dachte niemand, dass es jemals so weit kommen würde. Damals waren die russischen Archäologen gerade bei der Arbeit im russischen Altai-Tal, ringsherum nichts als sattgrüne Berge und Seen, durchschnittlich lebt hier weniger als ein Einwohner pro Quadratkilometer. Die Forscher suchten nach Knochenstücken. Routine. In der Denisova-Höhle hatte man in der Vergangenheit schon Überreste eines Neandertalers gefunden. Und 2008 auch den Fingerknochen einer bis dato unbekannten Menschenform: des Denisovaners. Später fanden Archäologen noch Backenzähne und ein kleines Stück Schädeldecke.

Aus ihren Funden schlossen sie, dass der Denisovaner größer und robuster als der aus Europa stammende Neandertaler gewesen sein muss. Diese "beeindruckenden Individuen", wie Pääbo sie nennt, entwickelten sich vor mehr als 390.000 Jahren aus einem Typ früher Menschen, der auch die Neandertaler hervorbrachte. Vor etwa 40.000 Jahren verschwanden die Denisovaner wieder. Obwohl ihre Überreste bis heute nur in einer Höhle gefunden wurden, gehen Forscher davon aus, dass sie einen Großteil des asiatischen Kontinents bevölkerten. Um mehr Antworten auf die vielen offenen Fragen zu bekommen, hat Pääbo ein Labor in Peking mit aufgebaut, das eine seiner ehemaligen Doktorandinnen leitet. Sie möchte dort die DNA von chinesischen Funden analysieren.

Die russischen Archäologen, die in der Denisova-Höhle nach neuen Knochenstücken gesucht hatten, schickten ihre neuen Funde 2012 an den Oxford-Archäologen Tom Higham, einen der Co-Autoren der jetzt erschienenen Studie. Ein Fundstück erregte seine Aufmerksamkeit besonders. Als er dessen Zusammensetzung analysierte, fand er heraus, dass es zu einem Wesen der Gattung Homo gehört haben musste. Als das Fragment später zur Analyse nach Deutschland kam, grub sich das Team des Leipziger Max-Planck-Institut immer tiefer in die DNA: Ihr Befund zeigt den Autoren der Nature-Studie, dass die beiden Gruppen sich nicht nur einmal, sondern mindestes zweimal gekreuzt haben müssen. Der Denisovaner-Vater besaß nämlich selbst bereits Neandertaler-DNA. Die stammte aus einem anderen Genpool als dem der Mutter.

"Aus früheren Studien wussten wir bereits, dass Neandertaler und Denisovaner gelegentlich Nachwuchs miteinander gezeugt haben", sagt Viviane Slon vom Leipziger MPI, die federführend an der Studie mitarbeitete. Aber: "Ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Glück haben könnten, auf einen direkten Nachkommen der beiden Gruppen zu stoßen."

Svante Pääbo glaubt, dass sich die beiden archaischen Menschentypen zwar nur sehr selten getroffen haben – "aber wenn, haben sie relativ häufig Kinder miteinander gezeugt". Denisovaner und Neandertaler, das legt die neue Studie nahe, schienen sich also ohne Vorurteile in den Ebenen Sibiriens begegnet zu sein.