Und irgendwann sind sie eben doch wieder da: die ausladenden und selbstverliebten, zähen und zeitfressenden, sich um ein einzelnes Motiv herumwindenden und wiependen und fiependen Soli auf der elektrischen Gitarre; jener Extremfall des musikalischen Muskelspiels, den man doch längst schon sicher und luftdicht in der Asservatenkammer der popkulturellen Geschmackspolizei verstaut geglaubt hatte.

Aber nein, so oft kann man den Tod, die historische Überholtheit und die politische und ästhetische Irrelevanz der elektrischen Gitarre gar nicht erklären, als dass sie von der mit dem Gesamtzustand der Welt irgendwie unzufriedenen Jugend nicht irgendwann doch wieder entdeckt werden würde; wahrscheinlich wird sich, solange es Strom gibt, an diesem Umstand auch nichts mehr ändern.

Der meistbejubelte, nicht männliche Newcomer der laufenden musikalischen Saison ist jedenfalls keine grimmige Rapperin, keine futuristische R ’n’ B-Künstlerin und auch keine gefühlvolle Singer-Songwriterin, sondern eine ebenso flott wie forsch drauflossolierende Person an der Kraftrockgitarre: Tash Sultana. Sultana ist 23 Jahre alt und versteht sich, wie das Management mitteilt, als "non-binär", also weder als Frau noch als Mann. Man wünsche sich deswegen, dass in der Berichterstattung auf Pronomen wie "er" oder "sie" verzichtet werde, worauf wir hier so weit wie möglich Rücksicht nehmen.

Sultana stammt aus dem australischen Melbourne; dort begann ihre Karriere vor einigen Jahren zunächst als Straßenmusiker und dann als YouTube-Phänomen. Tash Sultana spielt grundsätzlich allein, jede Art des Band-Wesens oder des sonst wie gruppenförmigen Musizierens ist diesem neuen Star fremd. Freilich hören sich die Songs nicht so an, als ob sie von einem einzelnen Menschen stammten, man hört Rhythmusgitarren, Sologitarren, sich umrankende und ineinander verhakende und gegeneinander kämpfende Melodien. Manchmal schunkelt ein entspannter Reggaerhythmus unter der Musik, manchmal hört man auch einen ucka-tschuck-stoßhechelnden R ’n’ B-Beat.

Tash Sultana spielt die Gitarre durch eine Vielzahl von Effektgeräten hindurch; die wichtigsten darunter sind die Loop-Stations, mit denen kurze rhythmische oder melodische Motive zu endlos wiederholten Schlaufen verflochten werden; über diese Schlaufen werden dann neue Schlaufen eingespielt, manchmal hupt Sultana auch etwas auf einer Trompete, spielt eine Basslinie dazu oder tiriliert auf wechselnden Flöten, bis dann, kurz bevor der Klangraum wegen Überfüllung geschlossen werden muss, endlich wieder ein Solo beginnt.

Das alte Ideal des musikalischen Fußgängerzonen-Multitaskings, das Ein-Mann-Straßen-Orchester mit Gitarre vor dem Bauch, Pauke hinter dem Rücken und Mundharmonika vor dem Mund, wie es kulturindustriell durchformatiert derzeit auch erfolgreich von dem Schwiegermutterliebling Ed Sheeran verkörpert wird – Tash Sultana hat das in die High-End-Ästhetik der digitalen Kultur überführt. Die Songs klingen nämlich keineswegs roh oder arm, sondern im Gegenteil so, als wären sie mit einem Ensemble qualifizierter Mietmusikanten in einem teuren Tonstudio eingespielt worden – so perfekt beherrscht Sultana die Arbeit mit den simplen Pedalgeräten und Soundprogrammen.

Auf der Bühne und in den YouTube-Filmen gibt Sultana dann aber ganz den wirbelnden, sich verausgabenden, sich verschwendenden und gleichsam hoch konzentrierten Improvisationskünstler; Sultana ist ein Appendix der bedienten Maschinen und zugleich ein Ingenieur – eine Person, die bei aller ausgiebig demonstrierten Kontrolle über die musikalischen Mittel doch erst im Rausch zu sich selbst findet: Authentizität zweiter Ordnung.

Allein mit den Fans: Tash Sultana in Auckland, Neuseeland, am 24. Juli 2018 © Dave Simpson/WireImage/Getty Images

Man kennt diese Art der künstlerischen Selbstinszenierung; aber man kannte sie zuletzt vor allem aus den Feldern der Pop-Avantgarde und der elektronischen Musik, zum Beispiel von der kanadischen Sängerin und Produzentin Grimes, die auf ihren besten Alben, Anfang der Zehnerjahre, ihre Songs fast ausschließlich aus Samples der eigenen Stimme schichtete und verfugte. Künstlerinnen wie sie oder die geistesverwandten Julia Holter und Holly Herndon begriffen diese intime Zwiesprache mit den neuen elektronischen Produktionsweisen gerade auch als Demonstration einer neuen nicht männlichen Autonomie im Pop: Seit sich seit Ende der Nullerjahre mit universell verfügbarer Software sofort drauflosmusizieren lässt, hat sich das jahrzehntelang die Popmusik bestimmende Rollenmodell des männlichen Produzenten, Beatbastlers oder sonst wie hoch qualifizierten Virtuosen erledigt.

In der Musik von Tash Sultana wird diese Ästhetik der nicht männlichen Selbstermächtigung nun wieder mit den schweren Zeichen des alten "männlichen" Rock-Genres versehen, insbesondere eben: mit dem Gitarrensolo, das über Jahrzehnte – und völlig zu Recht – als Inbegriff phallischen Musizierens galt. Doch verliert es hier gerade diesen Charakter, weil Tash Sultana sich beim Solieren nicht gegen andere Musiker in den Vordergrund drängt, sondern allenfalls gegen sich selbst: Schizo-Rock. Die Soli haben nichts Eroberndes und nichts Triumphierendes, sie ergeben sich aus einem individuellen Ton, aus langsamer Verdichtung, aus einem musikalischen Fluss.

Flow State heißt denn auch ganz passend das Debütalbum, das in diesen Tagen erscheint. Es kommt – auch darin ist Sultana ein für die Gegenwart typischer Künstler – nicht zu Beginn der Karriere, sondern nach den ersten großen Erfolgen heraus. 2016 sorgte ein im eigenen Jugendzimmer aufgenommenes Youtube-Video für virale Begeisterung, danach hat Sultana gespielt und gespielt, in immer größeren Clubs und Hallen und auf immer größeren Festivals. Die Deutschland-Tour im September ist seit Langem schon ausverkauft, keine junge Rapperin, keine junge R ’n’ B-Künstlerin bewegt derzeit derart große Publikumsmassen.

Flow State ist dabei keine herausragende Platte, die Intensität der Erscheinung von Tash Sultana rührt eben doch wesentlich von der körperlichen und musizierenden Präsenz auf der Bühne und im Internet her. Wenn man die Musik nur hört, ohne etwas zu sehen, merkt man deutlicher, dass Tash Sultana eben auch gerne daddelt.

Aber dann begeistert einen beim Hören doch wieder ein unerwarteter Einfall, ein rhythmischer Schlenker, ein melodischer Twist, der den schwirrenden Ideen eine Richtung gibt und eine Intensität: intim und zerrissen, technisch verspiegelt – und zugleich auf überraschend wenig altmodische Weise wahrhaftig.