Es gibt viele Wege, einen Bestseller zu schreiben. Man kann in einem überfüllten Zug aus dem Fenster schauen, und plötzlich rollt aus der Tiefe der vernieselten Londoner Vorstadtlandschaft eine Millionenidee auf einen zu, und man spürt sofort: Die ist gut. Man kann auch seinen Verleger zu Grünkohl und Mettwurst einladen, und der Hauskater befördert die Wurst und den Grünkohl mit einem Hieb auf das blütenweiße Verlegerhemd, und der Besudelte sagt: "Über den Halunken musst du mal ein Buch schreiben." Und dann schreibt man an den nächsten beiden Nachmittagen ein Büchlein über seinen Kater, das sich in 26 Länder verkauft.

Die erste Geschichte ist berühmt. J. K. Rowling hat sie oft erzählt. Sie saß im Juni 1990 im brechend vollen Zug von Manchester nach London, als der kleine schwarzhaarige Harry Potter plötzlich aus dem Nichts in ihrem Kopf auftauchte und ihr Herz zum Klopfen brachte. Der Kater, der das Abendessen auf das Hemd des ehemaligen Hanser-Verlegers Michael Krüger kippte, gehört der Kölner Autorin Elke Heidenreich. Die Reinigung des Verlegerhemdes war von den 1,5 Millionen verkauften Exemplaren ihres Buches über den Kater Nero Corleone, das die Autorin nach diesem Unfall schrieb, halbwegs zu finanzieren.

So oder auch ganz anders entstehen Ideen zu Büchern. Ob sie erfolgreich werden, weiß man vorher nicht. Prognosen sind, wie Karl Valentin sagte, eine schwierige Sache, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Zwölf Verlage haben den ersten Harry Potter-Band abgelehnt, bis der Londoner Drei-Mann-Verlag Bloomsbury ihn in einer Auflage von 1.000 Stück veröffentlichte und der unbekannten Autorin umgerechnet 2200 Euro Vorschuss zahlte. Die Weltauflage aller Bände liegt heute bei 450 Millionen. Für die Weltrechte hatte Rowlings Agent damals ein paar Tausend Pfund mehr gefordert. Dieses Risiko wollte der Verlag nicht eingehen. Michael Krüger hatte es leichter. Als Heidenreichs Kater ihm das Hemd versaute, war seine Besitzerin schon eine bekannte Fernsehmoderatorin.

Das sind nur zwei Beispiele aus dem Bestsellergeschäft mit dem kalkulierten Zufall, auf das die Buchbranche, seitdem die Verkäufe im Mittelfeld deutlich zurückgehen, immer stärker angewiesen ist. Ein Bestsellerrezept hat zwar niemand. Doch können die Verlage nicht wie Sterntaler die Schürze aufhalten und warten, bis ihnen ein neuer Starautor hineinfällt. Also fahndet der Buchmarkt mit einem Riesenaufgebot an Scouts, Lektoren, Jurys und Agenten ununterbrochen fieberhaft nach den Bestsellern von morgen.

Aber wie? Acht von zehn Versuchen, einen Bestseller gezielt zu landen, gehen schief. Selbst wenn alle bisher bekannten Parameter für einen Bestsellererfolg stimmen – der Roman ist gut erzählt, seine Einstiegsschwelle ist nicht allzu hoch, er hat lebendige Figuren und trifft den Zeitgeist, der Verlag entscheidet sich für einen ansprechenden Titel, ein einprägsames Cover und das richtige Erscheinungsdatum, wirft seine versammelte Werbekraft hinein und entfacht auch noch ein bengalisches Feuerwerk in den sozialen Medien –, der Verkauf kann in die Hose gehen.

Wichtig ist dennoch: Die Suche nach dem Bestsellerautor von morgen darf die Marktgesetze von heute nicht ignorieren. Die Bestsellerlisten des jungen Jahrhunderts bestehen von einigen wohltuenden Ausnahmen abgesehen aus internationaler All-Age-Fantasy, Wissenschafts- und Verschwörungsthrillern, historischen Romanen, Diätratgebern und Heilslehren. Also jenem getretenen Quark, der bekanntlich eher breit als stark ist. Eine weitere Einschränkung: Der Bestsellerautor von morgen sollte Englisch können, denn beinahe die Hälfte der Bestseller auf dem deutschen Buchmarkt kommt aus dem angloamerikanischen Kulturimperium. Außerdem sollte er nach Möglichkeit prominent sein: Der Sohn von Woody Allen verkauft nun mal mehr Bücher als ein rumänischer Lyriker. Und gegen den soliden Förstercharme, den ein deutscher Waldexperte in der Talkshow von Markus Lanz verbreitet, wird ein junger, blassgesichtiger Suhrkamp-Autor mit seinem genialen 1000-Seiten-Roman nach den bisher bekannten Weltgesetzen niemals ankommen.

Seitdem die Druckerpresse erfunden wurde, gibt es diese grausamen und konformen Marktzwänge, die dem Besonderen und Seltenen so wenige Chancen geben. Seltsamerweise sind sich dennoch alle, die wir gefragt haben, wie sie den Bestsellerautor von morgen finden, einig, dass Autoren, die das Zeug dazu haben, zum Dauerbrenner auf den Bestsellerlisten zu werden, etwas ganz Besonderes und noch nie Dagewesenes mitbringen müssen. "Manchmal spürt man", sagt Wolfgang Ferchl, Chef des Knaus Verlags, "dass ein Buch tief in der Autorenpersönlichkeit verwurzelt ist." Diesen Eindruck hatte Ferchl im Fall von Dörte Hansen, deren Bestseller Altes Land von dieser "tiefen Übereinstimmung zwischen der Autorin und ihrem Stoff" getragen wird, deswegen habe sich der Verlag auch – was nicht so oft vorkommt – bei Titel und Umschlag an der Wahl der Autorin orientiert. Ähnlich war es auch bei Hape Kerkeling (Ich bin dann mal weg), der eben nicht zu einem Agenten gesagt habe, "Du, ich mach jetzt mal den Jakobsweg und schreib einen Bestseller darüber", so wie es viele seiner Nachahmer probiert hätten, die die Verlage jetzt mit ihren Wanderbuch-Exposés zuschmissen. Ein Autor, sagt Ferchl, müsse, egal in welchem Genre, genau "diesen magischen Punkt der Übereinstimmung mit dem Lesepublikum treffen". Dann müsse die grenzenlose Begeisterung eines Lektors sämtliche an der Vermittlung Beteiligten anstecken, um durch "alle Kapillaren beim Leser anzukommen". Das werde immer schwerer, denn die "klassischen Influencer" – also wir, das Feuilleton, aber auch die Buchsendungen im Fernsehen – hätten im Buchgeschäft seit einigen Jahren "massiv an Bedeutung verloren".