Die Aufregung ist absurd und gesund zugleich. Die Bundesbank hat ermittelt, dass in den ersten drei Monaten des Jahres das Ersparte der Deutschen an Wert verloren hat. Zum ersten Mal seit sechs Jahren und dann gleich um fast ein Prozent. Die negative Rendite hat zwei Gründe. Es gibt so gut wie keine Zinsen für Sparer, und die Aktienkurse sind in diesem Jahr auf breiter Front gesunken. Je nachdem, wie verrückt sich Donald Trump und Recep Erdoğan benehmen, kann dieser ungewohnte Niedergang auch noch weitergehen.

Viele Menschen regen sich auf, die Bild-Zeitung auf ihrer Seite eins vorneweg. Absurd ist das, weil die Empörung erst jetzt kommt. Tatsächlich leidet die Mehrheit der Deutschen seit Jahren darunter, dass die Kaufkraft ihres Kapitals zerfließt wie Eis im Rekordsommer.

Gesund ist es, weil diese Entwicklung endlich auffällt. Bislang war die Aufregung gering, weil die Aktienkurse stiegen und das Fünftel der Deutschen, die solche Firmenanteile halten, reicher machten. Doch das Dauerhoch an der Börse ist fürs Erste vorüber, und der Nullzins schlägt insgesamt durch. Auf einmal wird der Preis sichtbar, den die Bundesbürger für die Politik der Europäischen Zentralbank spätestens seit eineinhalb Jahren bezahlen.

2017 nämlich zog die Inflation wieder an und stieg auf fast zwei Prozent. Weil es auf Sparbüchern wie auch für deutsche Staatsanleihen bestenfalls Renditen im Promillebereich gibt, nagt die Geldentwertung seither am Vermögen vieler Bundesbürger.

Verglichen mit anderen europäischen Ländern, kam die Inflation früh nach Deutschland, und die Zinsen sind hier besonders gering. Warum? Weil es läuft in der Wirtschaft und deshalb Kredite ohne große Risiken billig vergeben werden. Und wo die Banken mit Krediten wenig verdienen, geben sie Sparern, die ihnen das Geld zur Verfügung stellen, extrem wenig dafür.

Nun kann man das Gegenargument derer, die meinen, das sei in Ordnung so und die Deutschen seien halt zu dumm, um rechtzeitig Aktien zu kaufen, schon auswendig vorsingen – mit dem Refrain "Es gibt kein Menschenrecht auf positive Zinsen". Stimmt ja auch. Aber es gibt sehr wohl ein Bürgerrecht auf ein politisch unabhängiges und maßvolles Vorgehen der Notenbank.

Das Institut um den Präsidenten Mario Draghi handelt indes hochpolitisch. Wie sonst wäre es zu erklären: Wachstum und Inflation haben sich auf ganz Europa ausgeweitet. Trotzdem bleibt die Zentralbank bis zum Sommer 2019 beim Nullzins und pumpt noch bis Ende dieses Jahres monatlich zweistellige Milliardenbeträge in die Euro-Zone.

Marode Banken werden auf diese Weise mitgeschleppt in Europa, Gläubiger unterscheiden kaum zwischen sicheren und riskanten Krediten, über das Zusammenspiel der Bundesbank und der anderen nationalen Notenbanken stehen die Deutschen für einen erheblichen Teil gefährlicher Kredite gerade. Und vor allem bezahlen die Sparer. Und bezahlen. Und bezahlen.

Entschuldigungen für diese Politik gibt es immer. Die nächste Wahl mit Populisten-Potenzial. Ein neuer Handelskonflikt. Die Türkei-Krise. Doch es zeigt sich: Die Europäische Zentralbank hat zu lange Milliarden spendiert, und jetzt wird die Rechnung präsentiert.